Kinder, Schimpfwörter, Satire, Pippifax-Probleme und feige Anführungszeichen

Wie erklärt man Kindern Satire und wie erklärt man das den Eltern?…

 

Na prima! Ich hatte mich so darauf gefreut, am Freitagvormittag für mich allein, ohne Kinder, ohne dringende Erledigungen in die Stadt zu fahren, irgendwo gemütlich einen vierfachen Espresso zu trinken und ein bisschen durch die Läden zu bummeln.

Kinder zur Schule gebracht. Yeah! Messenger am Smartphone aus und los geht’s! dachte ich. Doch keine 50 Meter von der Schule entfernt, stand eine laut diskutierende Ansammlung von Eltern, vorwiegend Müttern, die mir überwiegend bekannt erschienen. Mist! Also dann: Breitestes Lächeln und möglichst Zähne zeigen, „Hallo! Habt einen schönen Tag! rufen und dabei authentisch fröhlich klingen. Geschafft! Jetzt nur noch ganz flink weiterlaufen, bloß nicht rennen. „Halt! Warte mal!“ Verdammt, verdammt, verdammt, weiterlächeln! … „Ich hab’s eilig.“ hörte ich mich sagen und merkte, dass ich nicht mehr lächelte, wahrscheinlich sah ich aus, als würde ich gleich heulen. „Ist was passiert?“ Fünf Muttis fühlten sich von meiner Frage angesprochen, die anderen führten ihre Unterhaltungen weiter. Aus dem Durcheinander konnte ich heraushören, dass wohl viele Kinder nicht vom Medienhype um Böhmermanns Schmähgedicht bzw. von den darauffolgenden Reaktionen verschont wurden.

Mit Kindern über Satire, Schmähungen, böse Worte und Kunst und Meinungsfreiheit zu reden, ist in der Tat etwas knifflig. Alle Eltern kennen spätestens drei Tage nach der Einschulung die Debatte über die b-Wörter, die d-Wörter und die f-Wörter und noch einige andere. Ich hatte das große Glück, dass in der Schule meiner Kinder Kraft-, Schimpf-, Fäkalausdrücke und sexualisierte Beleidigungen (Ja schon in der Grundschule!) derart krass grassieren, dass meinen Kids von allein aufging, dass das ständige Verwenden solcher Wörter ihnen schnell den Spaß am Tabubruch raubt. Daher wunderte mich die debattierende Gruppe auf dem Schulweg doch. Welche Bedenken haben Eltern, deren Sieben- bis Zehnjährige Sprösslinge morgens ihre Mitschüler mit diversen Betitulierungen aus dem f-Wort-Bereich begrüßen, wegen der breiten öffentlichen Unterstützung für Böhmermann? Oder standen sie nur dabei, um nichts zu verpassen oder weil sie wie ich schlecht „Nein, keine Zeit, schickt mir ‘ne Zusammenfassung, les ich vielleicht nächste Woche!“ sagen können? Na gut, ich war leider doch interessiert, besser gesagt fasziniert. Die Sozialwissenschaftlerin in mir war geweckt, was ich bald bereute.

Offensichtlich hatte niemand der Anwesenden außer mir die Sendung selbst gesehen. Es nützte erstmal nichts, den aufgebrachten Mamis und Papis zu sagen, dass Böhmermann den Unterschied zwischen Satire und Schmähkritik illustriert habe. Neben Pressefreiheit und der möglichen Akzeptanz von Schimpfworten fürchteten viele Muttis, das Gedicht wäre rassistisch. Es waren keine türkischen Eltern an der Diskussion beteiligt. Also freute ich mich zunächst, dass die Veranstaltungen zu interkultureller Kompetenz in den vergangenen Monaten irgendeine Wirkung hatten. „Warum denken Sie denn, dass Gedicht sei rassistisch?“[→1] „Das stand in einer Zeitung.“ „Wegen dem Ziegenf…“ rief mir ein Vater entgegen, der unbedingt den Verkehrslärm um das Dreifache übertönen wollte, was ihm auch gelang. Auf den Espresso konnte ich ab diesem Moment verzichten, meine Augenlider hatten sich reflexartig so weit geöffnet, dass es weht tat. Die Diskussion darüber, ob „Ziegenf…“ was Rassismus zu tun hat, dauerte tatsächlich fast eine halbe Stunde. Ziegen und Sodomie gibt es fast überall auf der Welt. Ganz aufrichtig sprach anschließend eine Frau darüber, dass sich „immer gleich alle“ Türken beleidigt fühlten, wenn jemand Erdogan beleidigte. Sie empfände es persönlich auch ganz schlimm, wenn Merkel im Ausland mit Hitleruniform dargestellt wird, sagte sie. „Ganz furchtbar …“

Irgendwann schafften wir es auch wieder über die Schule zu sprechen. Sollten die Lehrer etwas dazu sagen oder die Schulleitung? Wenn überhaupt sei das eine Aufgabe für die neue Schulsozialarbeiterin für Integration und interkulturelle Fragen. Aber die hat nur eine halbe Stelle und ist am Freitag in einer anderen Schule. So langsam dämmerte mir, dass die Damen und Herren sich vor dem Wochenende mit ihren Kindern fürchteten. Es waren keine der gewählten Elternsprecher_innen anwesend, die bringen ihre Kinder nicht mehr selbst zur Schule. Ich wurde bereit erklärt, eine E-Mail an die Schulleitung, die Elternsprecher_innen und die Schulsozialarbeiterin zu schreiben mit der Bitte, Handzettel und eine Rundmail über den Umgang mit dem Thema für Eltern anzufertigen. Ich könnte ja schon ein paar Vorschläge machen, das ginge dann schneller. Meinen Ausflug konnte ich vergessen, keine Zeit mehr. Sowieso hatte es begonnen zu regnen.

Also schlurfte ich nach Haus und erfüllte die mir übertragene Aufgabe am Computer gewissenhaft. Ein paar Anrufe, Emails beantworten. Am Freitag endet die Schule eher. Ich holte meine Kinder ab. Es hatte tatsächlich eine Auseinandersetzung zwischen drei Jungs gegeben, weil der Vater des einen gesagt hatte: „Der Böhmi gehört in den Knast …“ und der Vater der beiden anderen: „Der Böhmi hat recht …“. Ich erklärte meinen Kindern, dass es sich bei der ganzen Aufregung meiner Meinung nach um ein Missverständnis handele. Dabei sagte ich ihnen aber nicht, dass man so ein Missverständnis provozieren kann, indem man geschickt Pausen lässt und kalkuliert, dass die meisten Leute nur teilweise zuhören oder gar nicht zuhören und sich irgendwo von jemand anderem[2] eine Zusammenfassung geben lassen, um mitreden zu können. An dieser Stelle wollte ich eigentlich schreiben, es wäre am besten, dass sich jede_r seine eigene Meinung bildet. Aber eines meiner Kinder hat Saft verschüttet. Dann habe ich den vorhergehenden Satz geschrieben – den mit dem provozierten Missverständnis, nur zur Erinnerung, falls Sie auch nicht mehr ganz bei der Sache waren.

Ohnehin ist in diesem Fall, die eigene Meinungsbildung erschwert, da das ZDF den betreffenden Teil der Sendung in bester DFF-Manier herausgeschnitten hat. Nicht jeder weiß, wie man etwas aus dem Cache zieht und das ZDF ist sehr beflissen, alle Spuren im Netz zu beseitigen und Kopien auf YouTube, Vimeo usw. zu sperren. Heute Morgen gab es angeblich noch ein Video, der vollständigen Sendung im Netz.

Wie ist es überhaupt möglich, dass so ein Vorfall Teil der politischen Entscheidungen der Bundesregierung wird, wenn dabei die Meinungsbildung derart eingeschränkt ist? Auch diese Frage wollte ich ursprünglich gar nicht stellen. Als ich geschaut habe, ob der Link zum Video noch funktioniert, habe ich leider von der Entscheidung der Kanzlerin gelesen, was meine Laune weiter verschlechtert hat, da meine Vorschläge für die Handzettel nun wahrscheinlich blöd klingen. Übrigens sollten Sie den obenstehenden Link (also https://vimeo.com/161272558) nicht anklicken und das Video ab ca. Minute 11 aufmerksam anschauen, das könnte irgendwelche Konsequenzen haben.

Da Sie das Video nun vorsichtshalber nicht sehen, stellt sich weiterhin die Frage, wie erklärt man den Vorfall Kindern und Eltern und was hat die Kanzlerin damit zu tun? Stellen Sie sich einfach vor, Sie werden Zeuge, wie Ihr Kind ein anderes mit „Du bist selber ein Volltrottel.“ beschimpft. Sie wissen, dass das andere Kind, nennen wir es mal Torben,[→3] regelmäßig andere Kinder schikaniert, verprügelt und mit viel schlimmeren Ausdrücken als ›bescheuert‹, ›doof‹ oder ›Arschloch‹ beschimpft. Torben kommt damit fast immer durch, weil er genau weiß, wann ihn weder Lehrer noch seine Eltern im Blick haben und weil die Beschwerden anderer Eltern und Kinder nicht zählen, da Torbens Eltern irgendwie wichtig sind oder einen besonderen Draht zum Klassenlehrer oder der Schulleiterin haben[→4]. Sie denken dennoch, dass Sie Ihrem Kind erklären sollten, wie man jemanden ohne fiese Beleidigungen kritisiert. Sie setzen sich und zählen auf, was man nicht sagen darf. Da kommt einiges zusammen. Sie genießen es, all die bösen Worte mal wieder auszusprechen und ihr Kind amüsiert sich prächtig. „Blöder Pisskopf, feiger Kotzbrocken …“ nein diese Worte darf man nicht sagen. Es ist verboten „Torben ist eine humorlose Kackbratze“ zu sagen. Ihr Kind kugelt sich vor Lachen. Natürlich ist zu bezweifeln, dass diese Art und Weise besonders klug oder pädagogisch ist. Ihnen kommt in den Sinn, dass Sie sich gerade kindisch benehmen. Also erschrecken Sie ihr Kind noch ein bisschen. „Als Erwachsener könntest du dafür sogar angezeigt und verurteilt werden und ins Gefängnis kommen oder ganz viel Strafe zahlen…“ So ähnlich lief das auch in der Sendung ab. Da war es nur viel lustiger. Aber für Sie und ihr vorlautes Balg ist die Geschichte noch nicht am Ende. Am nächsten Tag bekommen Sie einen Anruf von der Klassenlehrerin Ihres Kindes. Ein anderes Kind hat Ihre Unterhaltung mit ihrem Sprössling belauscht und seinen Eltern berichtet: „Die Mama/ der Papa von soundso hat gesagt: »Torben ist eine humorlose Kackbratze« …“ Die Eltern haben die Lehrerin informiert und die macht Ihnen eine Szene. Außerdem hat sie die Schulleitung informiert und Torbens Eltern. Die Schulleitung spricht daraufhin Ihrem Kind einen Schulverweis aus. Torben fühlt sich ermächtigt, noch mehr Kinder zu verkloppen. Seine Eltern zeigen Sie an. Die Mitglieder des örtlichen Schützenvereins, den Torbens Vater sponsert, umstellen ihr Haus, denn jemand, der Torben beleidigt, beleidigt auch alle Schützen.

Wenn Sie jetzt sagen, das ist doch alles alberner Kinderkram, haben Sie’s verstanden. In Deutschland beschäftigen sich Medien und Politiker seit über einer Woche mit einem Pippifax-Problem, zu dem wir die passende Lösungskompetenz bereits im Schulkindalter erworben haben sollten.

 

PS: Natürlich kann man Missverständnisse vermeiden, indem man bei Erklärungen und Witzen die indirekte Rede benutzt, dann lacht aber niemand.

PPS: Ich gestehe, die Verwendung von Anführungszeichen, Satzzeichen und anderen optischen Kennzeichnungen in diesem Text geschah aus purer Feigheit.

 


[1] Ja, ich war wirklich so dämlich, diese Frage zu stellen.

[2] … der die Sendung wahrscheinlich auch nur zum Teil verfolgt hat …

[3] Es könnte auch Fritz oder Katrin oder ganz anders heißen.

[4] Sie können sich nicht vorstellen, dass sowas in Schulen passiert? Willkommen in Deutschland! Oh Sie leben schon immer hier? Sind Sie vielleicht die Eltern von Torben?

4 Gedanken zu „Kinder, Schimpfwörter, Satire, Pippifax-Probleme und feige Anführungszeichen

  1. Nach einer einstweiligen Verfügung sind Jan Böhmermann bestimmte Passagen des berüchtigten „Schmähgedichts“ untersagt worden. Ob diese Passagen nun auch von niemandem oder nur nicht von bestimmten Personen angehört werden dürfen, steht in dieser Verfügung nicht. Ich hatte bereits im Text darauf hingewiesen, dass sich die geneigte Leserschaft das Video der ungeschnittenen Sendung auf Vimeo nicht anschauen sollte. Gegen Lesen hat die Hamburger Justiz anscheinend nichts. Dem Wortlaut der Verfügung (http://justiz.hamburg.de/oberlandesgericht/6103290/pressemeldung-2016-05-17-olg-01/) hat sie im Anhang den Text des Schmähgedichts hinzugefügt (http://justiz.hamburg.de/contentblob/6103298/6b1b7ae264e23809630af9d7716ef2fd/data/schmaehgedicht-jan-boehmermann-pdfanhang.pdf). Die Textpassagen in roter Schrift darf Böhmermann nicht äußern. Was in diesem Anhang fehlt, ist alles, was außer dem rezitierten Gedicht in der Sendung noch gesagt wurde.

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