Wider die Begriffsverunsicherungen

Deutschland mal wieder. Deutschland und Deutsch, eine Sprache, die die Gelegenheit bietet, uns bis ins kleinste Detail präzise auszudrücken und jeden Zweifel am Gemeinten zu verjagen. Eine Fähigkeit, deretwegen das Deutsche weltweit bewundert wird. Wir können Wörter mit anderen Wörtern, mit Vorsilben und Nachsilben zusammenzusetzen wie Legogebäude oder Lego-Kampfflugzeuge. Wenn’s aber darum geht, uns korrekt zu verständigen, kriegen wir’s einfach nicht hin.

Eine schlimme Unklarheit über Sinn und Bedeutung einiger Begriffe macht sich breit. In zahlreichen Kommentarspalten schreiben verunsicherte Bürger, sie seien doch keine Faschisten, wenn sie mal was kritisches gegen soundso oder diesunddas äußerten. Man müsse doch differenzieren. Andere beschweren sich in Leserbriefen, immer wenn sie nur ihre Meinung kundtäten, wären sie gleich Nazis. Besorgte Muttis rufen Journalisten zu, dass sie doch eigentlich keine Rassisten seien, aber die Afrikaner, Roma, Islamisten usw. nähmen ihren Kindern die Schulbrote weg. Das hätten sie schon mal gehört und beinahe wäre es ihnen selbst passiert. Und man müsste doch auch mal die Wahrheit sagen.
Diesen Leuten sollte dringend geholfen werden. Sie brauchen endlich Klarheit. Begriffsverunsicherung ist ein ernstzunehmendes Leiden, gegen das etwas getan werden muss! Und ich fange heute damit an:

Rassist ist man, wenn man anderen Menschen aufgrund von Herkunft, Aussehen, Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Religion pauschal bestimmte Eigenschaften, Charakterzüge oder Fähigkeiten zuschreibt. Rassismus bedeutet also, Menschen nicht als Individuen sondern als Angehörige von Gruppen wahrzunehmen. Meist entdeckt man in der eigenen Gruppe nur liebenswerte, heldenhafte Opfer und in der anderen Gruppe ausschließlich faule, hinterhältige Idioten.

Faschisten sind Anhänger des Faschismus. Das ist eine Ideologie, die eine Gemeinschaft (eine bestimmte Gruppe, ein Volk oder einer Nation) über alles andere stellt, auch über Freundschaft und über individuelle Bedürfnisse. Der Zusammenhalt der eigenen faschistischen Gemeinschaft wird verherrlicht. Was diesen Zusammenhalt stören könnte, wird ausgegrenzt und bekämpft: Widerspruch, Ungehorsam, Eigeninteressen, Individualität, konkurrierende Lebensweisen, eigene Meinungen, usw. Damit sie ihre totalitären Ansprüche aufrecht erhalten, brauchen Faschisten zum einen Feinde, die sie möglichst mit brachialer Gewalt bekämpfen können, um die Gemeinschaft zu verteidigen. Da die faschistische Gemeinschaft als der heilige Zweck gilt, werden für ihren Schutz alle Mittel geheiligt. Zum anderen muss die eigene Gemeinschaft fortdauernd als besser und wichtiger als andere dargestellt werden. Dabei bedient sich der Faschismus gern des Rassismus. Die meisten Faschisten mögen starke Männer und Linientreue.

Das Wörtchen „Nazi“ ist die Kurzform (der Spitzname) für „Nationalsozialist„, Anhänger des Nationalsozialismus. Dies ist die deutsche Variante des Faschismus und bedeutet im Wortsinn so viel wie: Nationalismus mit ein paar sozialistischen Elementen. Für Nazis gilt die deutsche Nation und Rasse als die faschistische Gemeinschaft, der alles untergeordnet werden muss. Der Nationalsozialismus ist grundsätzlich rassistisch. Er bekämpft und schließt alle aus, die nicht arisch genug sind, um im blinden Gehorsam oder in schierer Angst andere Länder zu überfallen, Juden, Behinderte, Sinti, Roma, Kommunisten und sämtliche anderen, die grad nicht ins Bild passen, zu töten. Nazis brauchen einen Führer, der ihnen ständig sagt, dass sie die deutsche, die arische Herrenrasse seien und alle anderen Rassen unterdrücken dürften. Daran würden sie — die schönen aber armen Germanen — ständig durch hinterhältige Verschwörungen der nicht-germanischen aber reichen Leute auf der Welt gehindert. Außerdem haben Nazis oft ein besonderes Verhältnis zu Feuer und Lautstärke.

Zuletzt gibt es auch Rassisten, die gut finden, was Faschisten und Nazis tun, obwohl sie selbst keine Faschisten oder Nazis sein wollen. Eine Zuordnung zu einem der drei hier behandelten Begriffe erscheint daher etwas schwierig und sollte im Einzelfall entschieden werden. Dies gelingt aber gewöhnlich nach kurzem Abwägen.

Differenziert und kurz zusammengefasst kann mensch jetzt sagen:

  1. Nicht alle Rassisten sind gleichzeitig Nazis oder Faschisten.
  2. Faschisten sind sehr häufig Rassisten jedoch nicht unbedingt Nazis.
  3. Nazis sind immer auch Rassisten und Faschisten.

Natürlich ist dieser Text nur ein kleiner Beitrag. Betrachtet ihn einfach als erste Hilfe für kritische, besorgte Bürger, sich selbst besser einzuordnen.

4 Gedanken zu „Wider die Begriffsverunsicherungen

  1. Schön wäre es, wenn die Leute versuchen würden Begriffe inhaltlich zu verstehen.

    Offenbar denken viele, dass es genügt die Wertungen, die mit Begriffen verbunden sind, zu verstehen. „Rassisten sind böse“ haben sie verstanden. Da sie sich selbst nicht als böse betrachten (wer tut das schon) folgern sie schluss, dass sie keine Rassisten sein können. Sie wollen zwar die Meinungen, die Vorurteile und das Verhalten von Rassisten beibehalten aber nicht abgewertet werden. Hätte „Rassist“ nicht so einen schlechten Ruf, sie hätten wohl kein Problem mit dem Begriff.

    Leider beobachtet man dieses Muster immer wieder, etwa wenn kath. Bischöfe sagen, dass sie Homosexuelle nicht diskriminieren, aber man könne sie natürlich nicht gleich behandeln wie Heterosexuelle. Sie haben nur begriffen, dass Diskriminierung böse ist, aber nicht, dass es Ungleichbehandlung bedeutet. Sie glauben Ungleichbehandlung, die sie für richtig halten, wäre keine Diskriminierung statt zu begreifen, dass es eine Diskriminierung ist, die sie begrüßen. Sie würden sich auch weigern die Jugendschutzgesetze, die Kindern und Jugendlichen den Besuch verschiedener Filme auf Grund ihres Alters verbieten, Diskriminierung zu nennen, weil sie meinen Diskriminierung müsse immer und überall schlecht sein.

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  2. Man darf bei diesen klärenden Worten (die ich sofort unterschreibe) allerdings nicht vergessen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die anderen Menschen Mundverbot qua Zuordnung zu Rechtsradikalen an den Hals wünschen. Ich weiß, wovon ich spreche, ich engagiere mich seit Jahren für ausgegrenzte Trennungseltern (meist Väter) sowie von häuslicher Gewalt betroffene Männer. Menschen, die sich wie ich im selben Kontext engagieren, wurden bereits wiederholte Male hochoffiziell mit Menschen wie Anders Breivik, diesem Faschisten, der in Norwegen unzählige Menschen ermordete, in einen Zusammenhang gebracht. Finanziert von der SPD-nahen Ebert-Stiftung (Autor: Thomas Gesterkamp für ein „Studie“ genanntes Hetzpamphlet), der Grünen-nahen Böll-Stiftung (Autor: Hinrich Rosenbrock für ein „Studie“ genanntes Hetzpamphlet) sowie Gebührenzahler (Autoren beim Bayerischen Rundfunk für ein Feature). Auch das ist Realität. Und MittäterInnenschaft.

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    1. Mein Text ist natürlich an Alle gerichtet, die diese drei Begriffe verwenden wollen, nicht verwenden wollen oder nicht hören wollen. Ich hab versucht den Ernst des Ganzen stellenweise ironisch bis sarkastisch zu brechen, aber die Beschreibungen stimmen mit den wissenschaftlichen Definitionen überein und sie sind recht klar. Im Beruf als Wissenschaftlerin schätze ich gute Definitionen von Begriffen, weil sie vermeiden helfen, dass solche Konzepte und Begriffe missbraucht werden oder für beliebige Zwecke zerredet werden. Ich denke, wir sollten wieder etwas mehr von diesem Prinzip in den Alltag und in die Kommunikation in sozialen Netzwerken einfließen lassen, nämlich dass alle, die an einer Kommunikation teilnehmen, bestimmte wichtige Begriffe in ihren Grundbedeutungen gleich verstehen können oder sich auf eine Bedeutung einigen können. Immer, wenn das gelingt, kommunizieren Menschen auf Augenhöhe und es gibt weniger Hass und weniger Beschuldigungen.

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