#JeSuisCharlie – Warum?

Viele Menschen und so auch ich sind noch immer geschockt über das gestrige Attentat auf das französische Satire-Magazin ‘Charlie Hebdo’. Nachdem viele den Slogan ‚Ich bin Charlie‘ in verschiedenen Sprachen überall im WWW und auf den Straßen geteilt haben, werden nun auch die Stimmen laut, die sagen, dass sie nicht ‚Charlie‘ sind oder sein wollen, weil für sie die Satire von Charlie Hebdo zu weit ging, zu verletzend und rücksichtslos sei. Einige behaupten die Satire von ‚Charlie Hebdo‘ sei verbale Gewalt. Ich möchte denjenigen hier begegnen ohne darauf einzugehen, wie weit Satire, Journalisten, Karikaturisten oder Künstler gehen dürfen oder ob sie weiter gehen, mehr provozieren dürfen als andere.

Warum wir alle Charlie sind :

Erst einmal geht es bei dem Slogan gar nicht darum, alles Gut zu finden oder sich zur eigenen Meinung zu machen, was ‘Charlie Hebdo’ gedruckt und verbreitet hat. Mir gefällt der Stil von Charlie Hebdo auch nicht immer. Es geht dabei um die Freiheit, die Dinge zu sagen, zu zeichnen zu schreiben, die man ausdrücken möchte. Manchmal verletzen wir andere, wenn wir – im Privaten, wie im Öffentlichen – sagen was wir meinen. Erwachsene Menschen können das aushalten. Darüber kann mensch reden, diskutieren, schimpfen, sich austauschen, wieder zu einander finden oder sich auch mal abwenden.  Dass manche beim Kundtun ihrer Gedanken gezielt pietätlos, verletzend, unüberlegt oder ef­fekt­ha­sche­risch sein mögen, muss niemand gut finden. Doch auch da gilt: Erwachsene können kommunizieren oder links liegen lassen, im schlimmsten Fall rechtsstaatliche Mittel einlegen. Wir alle verletzen hin und wieder andere, das lässt sich nicht immer vermeiden. Menschen haben unterschiedliche Sichtweisen, verschiedene Schwachstellen und Verletzlichkeiten. Die Kommunikation käme zum Erliegen, wenn mensch alle möglichen Fettnäpfchen umgehen wollte. Andersherum kommt Sie auch dann zum Erliegen, wenn niemand nach einem zertrampelten Fettnäpfchen, den ersten Schritt macht. Beleidigt sein, ist wie ein innerer Türstopper, der vor allem alles Positive draußen hält. Dass der erste Schritt sowohl vom „Trampeltier“ als auch vom „Beleidigten“ gemacht werden kann, sollte dabei im Auge behalten werden. Und ja! Es gibt ein paar Grundregeln ohne die Kommunikation nicht stattfinden kann. Es gilt zu­al­ler­erst das Gebot der Gegenseitigkeit, wer will, dass seine Meinung respektiert und seine Kritik akzeptiert und/ oder zumindest toleriert wird, der muss das eben auch jenen Andersdenkenden zugestehen, die er kritisiert oder provoziert. Gerade beim Bloggen sollte, dies klar sein. Wer in Eile oder in einem emotionalen Moment etwas schreibt oder teilt, das sich bei näherer Betrachtung als Irrtum oder undurchdacht erweist, muss die Kritik daran ernst nehmen. Doch wenn wir ständig unsere Meinung, Statements und Beiträge so ändern, dass wir es allen Recht machen, bleiben wir unverständlich oder der Blog bleibt leer. Wir sind als Erwachsene immer verantwortlich für die Dinge, die wir (nicht) tun und (nicht) sagen, ebenso wie für unsere Reaktionen auf das Verhalten Anderer.

Leider gibt es verbale Gewalt tatsächlich, genauso wie Gewalt durch Bloßstellung, Diffamierung, Ausgrenzung aber auch strukturelle Gewalt. Inwieweit diese Gewalten legitimiert werden können oder illegitim sind, wo Grenzen gezogen werden sollen, dafür gibt es in den meisten Ländern bereits Regeln und Gesetze (die übrigens auch ein Ausdruck struktureller Gewalt sind). Reichen diese Regeln nicht aus oder sind veraltet oder zu tiefgreifend, dann muss darüber ein gesellschaftlicher Diskurs stattfinden. ‚Charlie Hebdo‘ wie viele andere Medien, Journalisten, Künstler, Engagierte, Politiker usw. sind Teil eines solchen Diskurses. Diese sind selten leicht oder kurzweilig, meistens sind sie kompliziert und man sieht die Ergebnisse erst nach Jahren, die sind dann auch nicht allen recht und es beginnt ein neuer Diskurs. Verständlich, wenn viele das als Zumutung  empfinden, ohne diese Anstrengung jedoch kann es kaum eine kulturelle, politische oder gesellschaftliche Entwicklung im demokratischen Sinne geben.

Wir sind ‚Charlie‘, weil Satire solange sie zu Diskussion und Reflexion führt – auch dann wenn sie uns nicht gefällt oder wenn sie beleidigt, schlecht gemacht oder ungerechtfertigt ist – ein Teil der gesellschaftlichen Diskurse ist, die uns alle angehen. Wir sind ‚Charlie‘, weil wir alle manchmal Dinge sagen und tun, die anderen nicht gefallen, weil wir damit verletzen – ob eigene Meinung, ob notwendig, unnütz oder Irrtum – das ist jedes Menschen Recht. Und vor allem sind wir Charlie Hebdo, weil wir alle verletzlich sind und uns verletzlich machen, wenn wir kommunizieren. — #JeSuisHumain – #IchBinMenschlich

10 Gedanken zu „#JeSuisCharlie – Warum?

  1. Karikaturisten und Redakteure von „Charlie Hebdo“ wehren sich gegen die Instrumentalisierung durch PEGIDA und andere Rassisten:

    Karikaturisten gegen Pegida / Caricaturistes unis contre Pegida

    [Aufruf an die Dresdnerinnen und Dresdner für Toleranz, Weltoffenheit und gegen Hass und Islamfeindlichkeit]:

    Unsere Freunde, unsere Kollegen wurden brutal ermordet. Sie wurden ermordet weder durch Kalaschnikows noch durch irgendeine Religion oder ein göttliches Gebot. Sie wurden niedergemetzelt durch Hass, Ignoranz, Dummheit und Extremismus. Dies sind Attribute, die keiner Religion, keinem Glauben anhaften, sondern Menschen.

    Unsere Freunde waren gegen Ausgrenzung. Sie bekämpften Rassismus und die Eingeschränktheit des Geistes. Mit ihrem Bleistift führten sie den Kampf gegen neue Mauern und gegen die Herrschaft der Angst.

    In diesem Kampf ist Dresden, wie Paris, eine symbolische Stadt.

    Wie in Paris müssen seine Bürgerinnen und Bürger für Freiheit und Toleranz einstehen und gegen Hass und Islamfeindlichkeit kämpfen. Wir verabscheuen jede Form von Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Rassismus.

    Auf eine zynische Art und Weise versucht die Pegida, die Attentate von Paris zu instrumentalisieren. Wir lehnen es ab, dass das Andenken unserer Freunde instrumentalisiert und durch den Dreck gezogen wird.

    Die Vereinnahmung dieser Morde durch Kräfte, die das Gegenteil von dem repräsentieren, für das unsere Freunde zeitlebens warben, gleicht einer Grabschändung. Pegida steht für all das, was sie durch ihr Werk und ihr Leben bekämpften.

    Im Andenken an unsere ermordeten Freunde und Kollegen müssen wir uns in Dresden gegen diesen Akt der Instrumentalisierung erheben. Sonst würde man sie ein zweites Mal töten.

    Wir verneigen uns vor allen Opfern der jüngsten terroristischen Attentate – von unendlicher Trauer erfüllt, aber ohne Hass.

    [Unterzeichner]:

    Willem (Zeichner bei Charlie Hebdo, Frankreich), Aurel (Zeichner bei Le Monde, Frankreich), Jiho (Zeichner bei Siné Mensuel, Frankreich), Jean-Francois Caritte (Frankreich), Jacques Sondron (Belgien), Pascal Gros (Zeichner bei Marianne, Frankreich), Damien Glez (Burkina Faso, Frankreich, international), Aymeric Chastenet (alias Mric, Frankreich), Gab (Frankreich), Benjamin Lacombe (Frankreich), Philippe Deveaux (alias Devo, Frankreich)


    [Appel aux citoyens de Dresde pour la tolérance et l’ouverture au monde et contre la haine et l’islamophobie] :

    Nos amis et nos confrères ont été brutalement assassinés. Ils n’ont pas été assassinés par des kalachnikovs, ils n’ont pas été assassinés au nom d’une quelconque religion ou d’un commandement divin, mais par la haine, par la stupidité et l’ignorance, par l’extrémisme ; des attributs qui ne sont pas inhérents à une religion ou à une croyance, mais bien à la bêtise humaine.

    Nos amis étaient contre l’exclusion. Ils combattaient le racisme et l’engourdissement des esprits. Avec leurs crayons comme seule arme, ils menaient une bataille contre les nouveaux murs et le règne de la terreur.

    Dans ce combat, Dresde, comme Paris, est une ville-symbole.

    Comme à Paris, ses citoyens doivent donc se lever au nom de la liberté, pour défendre la tolérance et lutter contre les réflexes de haine ou d’islamophobie. Nous bannissons toute forme de haine de l’autre, de racisme et d’extrémisme.

    Cyniquement, Pegida tente d’instrumentaliser les attentats perpétrés à Paris ces derniers jours. Nous refusons de voir instrumentalisée et salie la mémoire de nos amis.

    La récupération du massacre de nos amis par des forces représentant tout ce qui est contraire à leurs valeurs s’assimile à une violation de sépulture. Pegida représente tout ce que nos amis ont combattu par leur vie et leur œuvre.

    A Dresde, en mémoire de nos amis et confrères morts à Paris, nous devons nous élever contre cette opération de récupération. Autrement, cela reviendrait à les tuer une deuxième fois.

    Nous nous inclinons devant toutes les victimes des récents attentats terroristes avec une tristesse infinie, mais sans haine.

    [Signataires] :

    Willem (France, Pays-Bas), Aurel (France), Jiho (France), Jean-Francois Caritte (France), Jacques Sondron (Belgique), Damien Glez (Burkina Faso, France), Aymeric Chastenet (alias Mric, France), Gab (France), Michel Cambon (France), Benjamin Lacombe (France), Philippe Deveaux (alias Devo, France), Frédéric Deligne (France), Philippe Deveaux (alias Devo, France), Sebastien Bauer (France)

    https://www.facebook.com/pages/Karikaturisten-gegen-Pegida-Caricaturistes-unis-contre-Pegida/847889605276042

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    1. Da hast du völlig Recht und Oliver Kalkhofe auch! Nichts rechtfertigt Terror und Mord. Ich wollte das in meinem Text nicht extra erwähnen, weil ich es für selbstverständlich halte. Aber es ist leider notwendig das immer wieder zu kommunizieren.
      Danke und LG!

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  2. „Und vor allem sind wir Charlie Hebdo, weil wir alle verletzlich sind und uns verletzlich machen, wenn wir kommunizieren.!: Großartig! Und genau in dieser Verletzlichkeit wollen uns Attentäter wie die Pariser treffen – und deshalb ist es gut, dass viele Menschen derzeit bekennen: „Je suis Charlie“ – um deutlich zu kommunizieren, dass Terror, der Angst schüren will, nicht mundtot machen darf.

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