Anstelle eines Nachrufs – ein persönlicher Abschied

Es gelingt nicht immer, Kinder von all dem fernzuhalten, was wir Eltern nicht für sie geeignet halten — Werbung und Nachrichten beispielsweise sind heute allerorts gegenwärtig. Und so kam es, dass mein sechsjähriger Sohn heute morgen zwischen Nikolausstiefel-Auspacken und Zur-Schule-Gehen die Nachricht aufschnappte, die seit gestern Abend durch die Medien geht: Nelson Mandela ist gestorben. Was folgte, ist klar: „Mama, wer ist Nelson Mandela?“ Ich versuchte ihm und seiner vierjährigen Schwester zu erklären, wer Nelson Mandela war, dass er dafür gekämpft hat, dass alle Menschen – egal welche Hautfarbe sie haben – gleiche Rechte haben sollen. Zu meiner Überraschung begriffen meine Kinder überhaupt nicht, wovon ich sprach. Es leuchtete ihnen gar nicht ein, dass irgendwo oder irgendwann „Afrikaner“ und „Weiße“ nicht die gleichen Rechte haben oder hatten. Für einen Vortrag über Kernschmelze oder deduktive Statistik hätten sie sicher mehr Einsehen gehabt. Dabei liegt mir das Erklären sozialer Zusammenhänge viel mehr als Mathematik oder Atomphysik. Als Fünfjährige erfasste ich schnell die Begriffe Unterdrückung und Rassenhass in einem Artikel einer Kinderzeitschrift¹   Habe ich etwas falsch gemacht, wenn ich meinen Kindern nicht das Vermächtnis Nelson Mandelas begreiflich machen kann? Vielleicht! Vielleicht bedeutet das Unverständnis meiner Kinder, aber dass Mandelas Wirken stärker und weitreichender war, als ich bisher dachte. Es gibt diesen Spruch: „Frieden ist, wenn einem Kind zu dem Wort Krieg nichts einfällt.“  Vielleicht verhält es sich mit Rassismus und Vorurteilen ähnlich. Mir ist bewusst, dass wir auch in Deutschland weit von einer Gesellschaft ohne Diskriminierung und Rassismus entfernt sind und dass die Gräben zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in vielen anderen Regionen noch immer tief sind. Aber hier – wie in einer Menge anderer Ländern – hat sich das Verständnis seit meiner Kindheit verändert. Mandelas großer Anteil daran ist unbestreitbar.

Ich will mich nicht den zahlreichen Nachrufen, Diskussionen und Expertenbeiträgen anschließen, die Mandelas Werke und sein politisches Erbe beleuchten und analysieren. Das Netz ist bereits voll davon. Ich bin auch keine Expertin für Südafrika oder Apartheit. Ich will und kann all das nur von meinen sehr persönlichen Blickwinkel aus betrachten. Ich bin vor allem dankbar für Mandelas Wirken. Sollte ich den für mich zentralen Punkt in Mandelas Streben benennen, so ist dies die Idee der MÜNDIGKEIT Aller. Mündigkeit mit allen Privilegien und Bürden.  An Mandelas 95. Geburtstag habe ich bereits einige meiner Gedanken zu diesem großartigen Vermächtnis und zum schwierigen, langen Abschied von dem  Jahrhundertpolitiker niedergeschrieben (hier: The Greatest Glory – Sonnenscheinbilder).  Andere loszulassen, jemanden gehen zu lassen, Abschied nehmen zu müssen gehört zu den Bürden, die Mündigkeit mit sich bringt. Abschied von Idolen, Abschied davon, dass andere, ältere, erfahrenere, klügere, bekanntere, stärkere, strahlendere Menschen für uns denken und handeln und uns vor eigenen Fehlern bewahren. In diesen Tagen müssen wir Abschied von Nelson Mandela nehmen. Das fällt offensichtlich vielen schwer. Das Echo in den Medien scheint in zwei Lager geteilt, eines das fragt, wie es ohne Mandela weitergeht und eines, das diese Frage genau beantworten will. Beide sind weit davon entfernt loszulassen. Auf meiner Facebookstartseite sammeln sich die „bin-Traurig“-Statements sowie die Einladungen diverse Kondolenzseiten zu besuchen und „RIP-Mandela“-Gruppen  beizutreten. Was soll ich dazu sagen? Ich bin selbst trauriger und ratloser als ich es von mir erwartet hätte. Alle Weisheit scheint fehl am Platz.

Ich habe einmal gelernt, ein guter Weg um jemanden zu trauern ist, etwas zu tun oder etwas zu begreifen, was diese Person liebte. Mandela war ein tiefgläuber Mensch, der Musik und Tanz liebte. Daher halte ich die „Songs for Mandela“-Artikel auf Africa is A Country  für eine großartige Idee: Songs for Nelson Mandela: South Africa Edition  und  Songs for Mandela: International Edition Auf meiner Playlist für Mandela steht ganz oben Bob Marleys „Redemption Song“.  Der zentrale Satz „Emancipate yourselves from mental slavery; none but ourselves can free our minds“ steht für Mündigkeit, für Mandelas Verständnis von Freiheit und Befreiung – was ich bereits gut verstehe. „Have no fear for atomic energy, ‚Cause none of them can stop the time.“ für den Glauben und das Loslassen – was ich noch begreifen will.

https://www.youtube.com/watch?v=OFGgbT_VasI


¹ Es war ein Solidaritätsaufruf für Nelson Mandela in der DDR-Kinderzeitschrift „Bummi“, mehr zu dieser Geschichte hier: The Greatest Glory – Sonnenscheinbilder

4 Gedanken zu „Anstelle eines Nachrufs – ein persönlicher Abschied

  1. Du schreibst oben, dass Deinen Kindern nicht begreiflich war / wurde, dass Menschen unterschiedliche Rechte haben oder eben keine. Ich denke nicht, dass ihr Unverständnis darauf zurück zu führen ist, dass Du nicht gut erklärt hast. Ich denke, es liegt vermutlich daran, dass Kinder von vielen Dingen und Geschehnissen eben „geschützt“ werden – wie sollen sie dann davon wissen? Vielleicht, das nächste Mal, wenn es wieder um das Thema Rechte geht, verstehen sie schon etwas besser. Könnte ich mir vorstellen. Liebe Grüße von der Beobachterin, die gerade zufällig auf Dein Blog gestoßen ist.

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