Namensverleihung

Vor zwei Jahren habe ich folgenden Text als einen der ersten in diesem Blog veröffentlicht. Angesichts der letzten Debatten über Spionage und Überwachung, Vertrauen und Freiheit ist mir die Geschichte im diesjährigen November noch viel präsenter in Erinnerung als 2011. Es ist mal wieder der 9. November …

An jedem Jahrestag des Falls der Berliner Mauer denke ich an die folgende Begebenheit. Sie trug sich ein paar Tage vor dem 9. November 1989 zu. Irgendwann hatte ich das dringende Bedürfnis, sie nieder zu schreiben. Heute am 9. November 2011 glaube ich, es ist Zeit, diese Erinnerung zu teilen, auch wenn ich leider nicht dazu komme, den Text und den Blog in die mir vorschwebende Form zu bringen.                  

Ich war damals 11 Jahre alt und befand mich im Versammlungsraum im Keller unserer neugebauten Dorfschule. Ein Betonklotz, der einem H manche sagen auch einem U ähnelt. An diesem Tag wurde der Schule der Name eines Widerstandskämpfers gegen das Nationalsozialistische Regime verliehen. Wir hatten uns ein Jahr lang mit dem Streben dieses Mannes beschäftigt. Uns bemüht uns würdig zu erweisen.
Ich musste einen Vortrag vor einigen wichtigen Männern halten und ich war sehr stolz. Sie saßen vor mir an dem langen Tisch: unser Direktor, sein Stellvertreter, Männer die ich bisher nicht kannte und unsere Musiklehrerin. Sie hatte den Tisch liebevoll gedeckt und geschmückt. Mit den 10 Kindern, die in unserer kleinen Schule gut singen konnten, hatte sie einige Lieder vorgetragen.

An diesem Tag bekam ich kein Lampenfieber wie so oft zuvor. Mein Mut war in der Auseinandersetzung mit unserem Helden stetig gewachsen. Er hatte sich nicht beirren lassen, nicht durch Elend, nicht durch Strafe und Drohungen, auch nicht durch Ausgrenzung. Letztendlich hatte er sein Leben geopfert. Ich hatte fleißig alles gelesen, was mir die Lehrer gegeben hatten. Beim Schreiben hatte mir die Klassenlehrerin über die Schulter geschaut. Ich mochte das nie, aber ich machte selten Rechtschreibfehler. Hier und da musste eine Formulierung geändert werden. Der Vortrag über einen Widerstandskämpfer durfte auch nicht zu kurz oder zu lang sein, es sollten ja noch andere zu Wort kommen und eine gemeinsame Kaffeetafel sollte es anschließend auch geben.

Ich trug vor, wie mein Held Flugblätter verfasste und verbreitete, erzählte, dass er auf verbotenen Demonstrationen laut gegen Unrecht und für seine Überzeugung eintrat, sprach über Haft, Verhör und Hinrichtung. „Er ist mein Vorbild, ich würde gern genau so  mutig sein und gegen das Unrecht in der Welt kämpfen.“ schloss ich feierlich meine Rede. Alle nickten mir freundlich zu.

Danach saß ich nun mit ein paar anderen ausgewählten Schülern, den Lehrern und den wichtigen Gästen in diesem seltsamen gelben nach PVC und Wofasept riechendem Raum. Von der Wand schaute der allgegenwärtig freundlich lächelnde Mann aus seinem Plasterahmen auf mich herab.
Wir lauerten, dass jemand noch ein paar schöne Worte sagte und die Kaffeetafel eröffnete. Gebäck wie an diesem Tag gab es nur selten und auch nur in der nächsten Stadt zu kaufen. Es waren meine Lieblingsplätzchen und ich schielte aus den Augenwinkeln, wie ich unauffällig möglichst viel davon bekommen könnte. Aber es kam anders.

Jemand vorn am Kopf der Tafel stand auf. Es war ein wichtiger Mann – das wusste ich – aus der Kreis- oder Bezirksverwaltung oder so. Wir erwarteten Grußworte, etwas über unsere schöne funktionale neue Schule, ein paar Phrasen über Verantwortung. Scheinbar hatte er keine Rede vorbereitet. Papiere hielt jedenfalls nicht in der Hand.
Er sprach stattdessen über unser schönes Land, über unsere Eltern und Großeltern und die Genossen, die soviel dafür täten, dass es allen hier gut ginge. Er sprach über Undankbarkeit und durch den Westen indoktrinierte verwirrte und psychisch kranke Menschen. Endlich wurde ich aus meinen Heldenträumen in die Gegenwart gerissen und ohne Rücksicht in ihre Mitte gestellt. Da waren wir – im Herbst 1989.

Der wichtige Mann, war rot geworden im Gesicht: „Das sind alles Chaoten, die auf der Straße rumbrüllen, so etwas ist illegal. In jedem Land gibt es Regeln und Gesetze, an die man sich halten muss. Diese Asozialen da in Leipzig zeigen nur, dass sie nicht in der Lage oder nicht Willens sind, den richtigen Weg einzuschlagen. Die wollen sich gar nicht mit den Genossen vernünftig unterhalten. Dann müssten die nämlich die Meinung der Mehrheit in diesem Land akzeptieren. Wer auf der Straße rumschreit, der will ja gar nicht mit anderen zusammenarbeiten, der will eben nur rumschrein“. Er holte Luft: „Das sind eben nur ein paar Chaoten. Ja. Ja. Aber ihr Schüler ihr müsst keine Angst vor denen haben, die Genossen haben natürlich alles im Griff.“

Unser bleicher Direktor, stand schnell auf und ergänzte leicht stockend. Man könne ja über alles in Ruhe reden,… wenn es denn Probleme gäbe. Auf der Straße rumbrüllen sei nicht in Ordnung. … Gut erzogene Menschen täten das nicht …                                                                                                              


		

2 Gedanken zu „Namensverleihung

  1. Seinen Unmut immer nur hinunterzuschlucken, das ist auf die Dauer nicht gut. 1989 war das Fass schon längst übergelaufen, auch wenn es solche Menschen wie Dein damaliger Schuldirekter und dieser „wichtige“ Mann nicht wahrhaben wollten. Uns konnte nichts Besseres passieren als dieser Herbst ’89, auch wenn wir damals noch nicht wussten, wohin er uns führen würde. Schön ist für mich immer noch, dass alles so relativ friedlich über die Bühne ging.
    Liebe Grüße von der Silberdistel, deren Kinder damals 12 und 15 waren

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