The Greatest Glory – Sonnenscheinbilder

Damit ich mir die Zeichnungen meiner Tochter auch immer genau anschaue, legt sie sie mir auf meinen Schreibtisch. Mindestens 30 quietschbunte Blätter – die Sammlung der letzten 4 Tage – blockieren heute meine Arbeitsfläche. Ganz oben liegen zwei Schatzkarten mit hellblauen Halbmonden und orangen Sternchen. Ich vermute, ihre ausgeprägte Vorliebe für Mond und Sterne, wurzelt darin, dass sie einen nicht unerheblichen Teil ihrer gerade mal 4 Lebensjahre in Nordafrika verbracht hat, wo das Mondlicht und die kühlende Nacht als Inbegriff von Schönheit gelten. Darüber hinaus beschert mir meine Tochter fast täglich Bilder mit fröhlichen gelbgrünen Strichmenschlein, sonderbaren pinkfarbenen Tieren und lila Blumen. Als Kind hatte ich ähnlich leidenschaftliche Farbverirrungen – nur malte ich nicht so gern Mond und Sterne. Über meinen unzähligen „Kunstwerken“ prangte immer eine gelbe Kindersonne mit langen Strahlen und breitem Grinsen, wie sie die anderen Kinder im Kindergarten auch malten. Wir ängstigten uns vor den dunklen mitteleuropäischen Nächten, in denen, die in der Nähe stationierten sowjetischen Militäreinheiten Manöver und Tiefflugübungen durchführten, um uns vor dem Dritten Weltkrieg zu bewahren. Tröstend war, dass meine beste Freundin blond und schön wie die Sonne war und dass ihr Vater, der in einigen sozialistischen Freundesländern Erdöl- und Gastrassen¹ mitbaute, uns von seinen Reisen immer neue exotische Mal- und Zeichengeräte mitbrachte. Mein Papierverbrauch war umweltschädigend, aber ich hatte immer eine gute Begründung. Entweder hatten meine Freunde und Verwandten noch nicht genug Bilder von mir oder es ging im Kindergarten gerade mal wieder um den Weltfrieden, den internationalen Frauentag, den Ersten Mai oder die Planerfüllung in der Erntezeit, zu der alle LPG-Arbeiter unbedingt mit kindlichen Basteleien oder Bildern beschenkt und geehrt werden mussten. Oder ich wusste gerade, dass es meine Bestimmung sei, absolut ALLES besonders gut zeichnen zu können. Meine Tochter hingegen hat überhaupt nicht das Gefühl, ihren Eifer rechtfertigen zu müssen.

Als ich ca. 5 Jahre alt war, gab es im „Bummi„² – einer Kinderzeitschrift – einen Solidaritätsaufruf für einen Mann, der in Südafrika eingesperrt worden war, weil er dafür kämpfte, dass Menschen mit dunkler genau so wie Menschen mit heller Haut behandelt werden sollten. Wir Kinder sollten als Geburtstagsgeschenk für ihn eine Sonne malen, damit seine Zelle heller würde. Ich habe damals natürlich nicht verstanden, was Apartheid bedeutet und ich hatte keine Ahnung von den Menschen in Afrika. Ich war ein Kind in einem alten Dörfchen mitten in der DDR. Begriffen hatte ich nur, dass in Südafrika Menschen grausam behandelt wurden, die einer bestimmten „Norm“ nicht entsprachen – nämlich der „Norm“ „weiße“ Haut zu haben. Einer, der sich dagegen gewehrt hatte, musste deswegen in einem engen Gefängnis leben. Was es heißen konnte, diese groteske Art „Normen“ nicht erfüllen zu können, ahnte ich bereits. Auf dem ostdeutschen Land lernte man so etwas früh. Ich malte die hellste Sonne mit dem breitesten Grinsen, die ich jemals zustande brachte. Ob er mein Sonnenschein-Bild jemals erhalten hat, weiß ich nicht. Ich habe mich nie getraut zu fragen. Wie wahrscheinlich ist es, dass Nelson Mandela mit DER Kinderzeitschrift der DDR in Kontakt stand? Als ich irgendwann in einer Bibliothek beim Aussortieren alter Bestände half, entdeckte ich, dass es im „Bummi“ bis 1989 fast jedes Jahr einen Freiheits- und Solidaritätsaufruf für ihn gab. In der DDR war der Umgang mit den wenigen Afrikanern – zumeist waren es „Gaststudenten“ oder „Vertragsarbeiter“ mit festgelegter Aufenthaltsdauer – stark reglementiert. Rassistische und xenophobe Ressentiments waren verbreitet. Die meisten Menschen tuschelten zumindest laut, sobald sie in einer der Großstädte dennoch einmal auf Afrikaner trafen. Ich erinnere mich noch deutlich an meine Verwirrung, als ich sah, wie meine Mutter beim Anblick eines Mosambikaners erstarrte. 

Als Mandela am 11. Februar 1990 aus der Haft entlassen wurde und seine Politik der Versöhnung startete, erschien mir das vor dem Hintergrund des gerade gefallenen Eisernen Vorhangs als deutliches und folgerichtiges Zeichen, dass „Die Menschheit“ auf „Dem richtigen Weg“ sei. Der Gefangene, für den ich eine Sonne gemalt hatte, wurde bald ein Präsident. Die alten verkrusteten ideologischen Gefüge — Kapitalismus gegen Kommunismus, Ost gegen West, Weiß gegen Schwarz — schienen aufgebrochen. Ja! Als 11jährige war ich mir sicher, die „Friede-Freude-Eierkuchen-Weltgesellschaft“ sei erstrebenswert!

Morgen nun hat der Mann, dessen Geschichte mich als Fünfjährige so berührte, wieder Geburtstag. Den 95. Geburtstag. Seit Wochen berichteten v.a. die afrikanischen und britischen Medien darüber und über seinen kritischen Gesundheitszustand. Der Appell Denis Goldbergs³, Mandela gehen zu lassen, zu akzeptieren, dass er sterben wird: „Let him go, let him go, with our love, with our admiration and our wish to emulate him.“ (http://www.guardian.co.uk/world/2013/jun/11/nelson-mandela-hospital-security), machte hellhörig.

Ich habe mich immer für ziemlich abgeklärt bezüglich des Todes gehalten. Menschen sterben nun mal, Leben funktioniert nicht ohne Sterben, das lernte man auf dem Land auch früh. Die Vorbilder meiner Kindheit sind heute vor Allem eines: Sie sind alt und sie sterben. Und das Gefühl, „dass da niemand mehr nachkommt“ umfängt mich, obwohl ich das als abgeklärte Sozialwissenschaftlerin doch ganz anders sehen müsste … Jede Zeit bringt ihre eigenen Probleme, ihre eigenen Fragen, Ideale und Antworten hervor … Denis Goldberg hat Recht, wir müssen dankbar sein dafür, dass es Mandela gab und was er getan hat. Es ist das unbedingte Recht eines alten Menschen, mit Würde in Frieden zu gehen. Aber ich bin wütend. Mir wird übel bei der Vorstellung, dass nun eine Legendenbildung einsetzt, der Mandela nicht mehr selbst widersprechen wird.

Mandela vermochte es mit Worten und mit seiner Art großartige Bilder mit enormer Integrationskraft zu schaffen. Um die Schwierigkeiten der südafrikanischen Gesellschaft zu behandeln reichen Bilder nicht mehr. Sie verblassen mit der Zeit und die Zeitspanne, in der Mandela selbst nicht mehr auf der politischen Bühne erschienen ist, beträgt bereits einige Jahre. Das zunehmende Abweichen der realen Politik von den Zielen und der moralischen Haltung Mandelas in Süd Afrika geht seitdem mit einer zunehmenden Verehrung Madibas in der breiten Bevölkerung einher. Was wird also geschehen, wenn endgültig hingenommen werden muss, dass die Gesellschaft eine solch strahlende Persönlichkeit nicht mehr eine der ihren nennen darf?

Vor dem Krankenhaus in Pretoria lauern seit Wochen die Journalisten. Solange es DIE Nachricht noch nicht gab, wurden Dokumentationen, Rückblicke, alte Interviews etc. gesendet – vorgezogene Nachrufe. In den zahlreichen Kommentaren, Diskussionen und Blogeinträgen kann mensch weltweit lesen: Dass sich der schwerkranke Nelson Mandela schon seit einiger Zeit nicht mehr gegen die Schlammschlacht um die Deutungshoheit der „Ikone Mandela“ und die Instrumentalisierung seiner Popularität durch Politiker und geschäftstüchtige Nachfahren wehren kann. Der Abschied begann lange bevor Mandela ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Ein verständnisloser Abschied – ohne Akzeptanz.

Die Welt hat sich ganz offensichtlich nicht so sehr den Vorstellungen Mandelas gefügt. Und auch nicht meinen Kindheitsblütenträumen. Süd-Afrika hat zwar keine Apartheid mehr, es ist aber gruselig weit entfernt von einer Gesellschaft, an der alle Menschen gleichberechtigt teilnehmen können. Die Welt ist nach dem Fall der Berliner Mauer nicht friedlicher geworden. Unsere immensen technischen Möglichkeiten werden nicht dafür eingesetzt, allen Kindern genügend Nahrung oder eine Schulbildung zu bieten.Stattdessen arbeiten wir an Projekten, was allerdings nach wie vor den „Dritten Weltkrieg“ verhindert.

In der „Moderne“ glaubten Intellektuelle tatsächlich noch daran, dass die Menschheit, sich unter Mithilfe des technischen Fortschritts stetig zum „Besseren“ wandeln würde. In der „Postmoderne“ bekamen wir eine Ahnung davon, dass das wohl nicht so einfach würde. Im Jahr 2013 sehe ich endgültig ein, Bezeichnungen wie Moderne und Postmoderne machen keinen Sinn. Es gibt keinen stetigen Wandel „irgendwohin“. Stetig ist nur der Wandel und die Vervielfältigung bzw. Individualisierung der Vorstellungen, „wohin“ es gehen soll und warum. Warum sollte ich als desillusionierte Sozialwissenschaftlerin also noch Idealen aus dem 20 Jahrhundert nachtrauern oder mich über die Abgestumpftheit vieler Leute aufregen? Die Zeit nach den (post-)modernen Zeiten ist Vieles aber definitiv nicht heroisch. WissenschaftlerInnen eignen sich heutzutage Unmengen manchmal mehr meist aber weniger nutzvollen, möglichst wertfreien Wissens an, ich bin da keine Ausnahme. Naturwissenschaftliche Abhandlungen zeigen auf unterschiedlichste Weise, wie unwahrscheinlich die Entstehung des Lebens war. In der Soziologie und Psychologie gibt es zahlreiche Theorien darüber, wie das menschliche Zusammenleben funktioniert – Einigkeit herrscht letztendlich nur darüber, dass es notwendig ist. Weite Zweige der Sozialwissenschaften debattieren darüber, dass menschliche Kommunikation grundsätzlich zum Scheitern verurteilt ist und wieso sie dennoch ständig stattfindet.

Bei aller Wut und Ernüchterung überzeugen mich meine Erfahrungen und Beobachtungen mehr denn je davon, dass die meisten Menschen sich ein gutes respektvolles Miteinander wünschen, spätestens wenn sie Kinder bekommen. Eine einzelne Person schafft kein gutes Miteinander, niemand kann frei sein in einer Gesellschaft in der Menschen unterdrückt werden  ̶  die grundlegenden Gedanken in Mandelas Streben. Immer wieder hat er die Prinzipien benannt und aufgeschrieben, die ihn zu einem Jahrhundertpolitiker werden ließen: Alle verdienen den gleichen Respekt – auch du, Wiederhole deine Fehler nicht, Gerechtigkeit ist keine Einbahnstraße, Jede(r) ist fehlbar, Gib nicht auf, Baue Brücken und vergib, Die Zukunft ist wichtiger als die Vergangenheit, Revidiere deine Fehlurteile, Vor allem aber: Lass die Kommunikation nicht abreißen! Das klingt gar nicht so heldenhaft, sollte es auch nicht! Das sind schlichtweg die Grundlagen von Mündigkeit. Für kein politisches Ansinnen werde ich dankbarer sein. Erwachsene sollten heute keine Ideologien und Legenden – egal wie hilfreich sie sonst auch sein mögen – mehr brauchen, um sich ihrer Verantwortungen und Möglichkeiten bewusst zu werden.  Wer das jetzt irgendwie süß findet, kann seinen Zucker für sich behalten, dass macht mich nicht netter! Die zynische Verniedlichung von gesellschaftlichen Visionen, Idealen oder Gerechtigkeitsvorstellungen hilft kaum weiter, als deren naive Verniedlichung (manchmal auch Glorifizierung genannt).

Ich bin froh darüber, dass meine Kinder einfach aus Freude basteln, spielen und malen, ihr Verhalten nicht in einen ideologischen Kontext einordnen müssen. Kinder können immer dann einfach Kinder sein, wenn Eltern mündige Erwachsene sein können. Ich habe erlebt, wie junge Menschen in Ägypten 2011 für diese Mündigkeit kämpften und sie haben 2013 gezeigt, dass sie nicht bereit sind, einen bloßen Wechsel von einer säkularen zu einer islamistischen Diktatur hinzunehmen. In anderen Ländern z.B. der Türkei und Brasilien hat dieser Kampf gerade begonnen. Dass es bei diesen Bewegungen keine verbindenden Ideologien und keine schillernden moralischen Institutionen gibt wie im letzten Jahrhundert, macht das Streben für „Das gute selbstbestimmte Leben“ komplizierter, langwieriger und angreifbarer. Ich habe keine Ahnung, wohin das führen wird, was in 20 Jahren sein wird oder wie meine Kinder als Erwachsene ihr Leben gestalten werden. Aber wir haben im 21 Jahrhundert alle Möglichkeiten die Kommunikation nicht abreißen zu lassen.

Während meiner Grübelei habe ich aus Versehen eine grell-gelbe Sonne auf eines der Bilder meiner Tochter gezeichnet. Ich kann mich gerade noch davon abhalten dem Sonnenkreis ein dickes Grinsen zu verpassen. Das muss ich ihr wohl erklären …😉

„The greatest glory in living lies not in never falling, but in rising every time we fall.“ Nelson Mandela. Long Walk to Freedom (1995)

In diesem Sinne:  Alles Gute!  Happy Birthday Mr. Mandela! All the best for you. I hope you don’t mind that I drew a sun for you again.

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1 z.B. die „Druschba-Trasse“, Bau 1974 – 1993 http://de.wikipedia.org/wiki/Druschba-Trasse

2 „Bummi“ war die Zeitschrift für Kinder zwischen 2 und 7 Jahren in der DDR, nach kurzer Pause wird sie seit 1991 neugestaltet wieder verlegt http://de.wikipedia.org/wiki/Bummi

3 http://de.wikipedia.org/wiki/Denis_Goldberg

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11 Gedanken zu „The Greatest Glory – Sonnenscheinbilder

  1. Wenn Du diesen Text als Rede gehalten hättest, wäre ich die Erste gewesen, die aufsprang, um Dir zu applaudieren! Stattdessen sitze ich hier an meinem Rechner und versuche meine Gedanken zu ordnen. Du hast ganz schönen Wirbel in meinen Hirnzellen verursacht. Gut so. Ich hoffe, vielen weiteren Menschen geht es ebenso!

    Einen sonnig- friedlichen Tag wünsche ich Dir! ☼

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