Faule Fische — irgendwie vielleicht doch eine beinahe-fast-schon Liebeserklärung

Endlich war es wieder soweit, lange hatte ich mich schon darauf gefreut. Bei meinem ersten Besuch hier vor 5 Jahren hatten die Cousinen meines Mannes einen großen Bus mit Fahrer gechartert, um auf das Grundstück von Cousine Doha in der libyschen Wüste zu fahren und ein Picknick zu machen. Dies war mir lebhaft in Erinnerung geblieben. Ein Bus voller gackernder Frauen und ausgelassener Kinder. Ein offener gelöster Umgang und die Luft der Wüste, die wesentlich angenehmer war als der stickige Dunst der Städte. Dieses Mal fuhren wir im Konvoi mit einigen mehr oder weniger entfernten Verwandten in 5 Autos durch ein paar Städte und viele Dörfer, mit zum Teil bonbonfarben angestrichenen neuen Häusern, etwas südlicher in das Land und dann westlich Richtung Wüste. Überall wurde gebaut, überall lagen Berge von Zementsäcken an den Straßenrändern, in Einfahrten und auf Feldern. An zahlreichen Wänden hingen noch Wahlplakate von den Parlamentswahlen. Fast ausschließlich die der bärtigen Kandidaten der Moslembrüder und der salafistischen Al-Nur-Partei1.

Viele Felder standen voll mit fast erntebereitem Weizen. Das beruhigte mich etwas. Lange Zeit hatten die Bauern hier zunehmend auf den Export ausgerichteten Kartoffel-, Obst- und Gemüseanbau gesetzt. Reis und Weizen mussten dann teuer aus dem Ausland eingekauft werden, was zu mehreren Versorgungskrisen führte. Seit der Revolution im letztem Jahr ist der Export ägyptischer Agrarprodukte wieder zurück gegangen2. Dafür sind die hiesigen Obst-und Gemüsemärkte nun um so voller. Unter den Gemüseverkäuferinnen und Bettlerinnen am Straßenrand sitzen immer häufiger Frauen mit Niqab (Gesichtsschleier). Niqab auf dem Land? Das kannte ich so bisher nicht3.

In Gedanken verloren, hatte ich nicht bemerkt, wie weit wir schon gefahren waren. Immer noch Siedlungen, Baustellen, grüne Plantagen und Felder. Eigentlich wären wir schon seit ca. 20 Kilometern in der Wüste, lachten unsere Verwandten. Neue und alte verlängerte Kanäle erweitern das Delta inzwischen um Dutzende Kilometer. Das passiert nicht nur hier im Nord-Westen. In vielen Teilen Ägyptens, versucht man, der Wüste mithilfe künstlicher Bewässerung neuen Lebensraum und Anbaufläche für Obst und Gemüse abzuringen. In den ursprünglichen Anbaugebieten gibt es immer weniger Platz, die Betonwüsten der kleinen und großen Städte fressen sich wie Krebsgeschwüre immer weiter in die schmalen fruchtbaren Äcker des Niltals und -deltas.

Das Grundstück zu dem wir fuhren, gehört zu den ersten, die in der libyschen Wüste durch Tröpchenbewässerung mithilfe einer Grundwasserpumpe urbar gemacht wurden. Grundwasser ist unter der Libyschen Wüste noch reichlich vorhanden. Unterwegs entdeckte ich diesesmal auch Rasensprenger im Dauerbetrieb über trockenen Flächen. Das Wasser verdunstet bevor es auf dem Boden ankommt. Das beunruhigte aber außer mir anscheinend niemanden. 

Das letzte Stück der holprigen Strecke konnten die Neuwagen unserer Verwandten nur noch im Schritttempo überwinden. Etwas verwundert schaute ich mich auf Farm um. Der bunte Mix aus einheimischen Zitrusbäumen und Kräutern war einer Monokultur von kernlosem Wein gewichen. Der Gärtner erklärte, warum er es zu kompliziert fände, so viele verschiedene Früchte anzubauen — schon allein deshalb, weil er dann zu verschiedenen Erntezeiten Saisonarbeiter anheuern müsse. Aus dem selben Grund hatte er die großen Olivenbäume gerodet, deren Wurzeln sich über viele Jahre durch Wüstensand und -Geröll tief ins Afrikanische Erdreich zum Grundwasser gekämpft hatten und die bei meinem letzten Besuch voll mit den besten Kalamon-Oliven hingen. Die in der Region verbreitete Leidenschaftslosigkeit macht mich, nicht nur weil sie den Klischees von den temperamentvollen Mediterranen widerspricht, immer wieder sprachlos.

Die Frau des Gärtners, die ich als so freundlich in Erinnerung hatte, empfing uns in Vollverschleierung. Ihre beiden nun fast erwachsenen und Kopftuch tragenden Töchter durften uns nicht wie 2007 in der Küche helfen, weil (für sie) fremde Männer anwesend waren. Cousine Doha hatte vorausschauend ihre Haushaltshilfe mitgebracht – eines jener Wesen, weshalb man Ägypten trotz Allem immer wieder lieben muss. Unbedacht herzlich, ein unbeirrbares Lächeln, dass einfach auf dem runden offenen Gesicht über einem großzügigen Körper bleibt und eine Neugier, die sich immer ein bisschen zu lange in der kleinen Stirnfalte zeigt. Und so half sie uns voller Freude über den Ausflug, das traditionelle Essen zum Frühlingsfest Sham el-Nessim vorzubereiten und aufzutischen. Zu diesem altägyptischen Festtag, der mit dem orthodoxen Ostermontag zusammenfällt, gehen die Ägypter aus und essen gesalzene und über mehrere Monate in Holzfässern gereifte Fische. Zu den Fischen, auch stinkende oder faule Fische genannt, werden grüne Zwiebeln und Zitrone gereicht. Angesichts des Geruchs, den diese Fische entfalten, bin ich heute noch froh, dass wir nicht in der Stadt geblieben waren. Außerdem gibt es an Sham el-Nessim gefärbte Eier. Unsere Verwandten machten ungläubige Gesichter, als wir von den deutschen Ostereiern und Osterhasen erzählten. Die Überschneidungen zwischen den beiden Traditionen sind ebenso augenfällig wie erstaunlich.

Natürlich hatte einige Tage zuvor ein Salafistenprediger gewarnt, das Frühlingsfest zu feiern. Bunte Eier und faule Fische zu essen, seien heidnische Traditionen und führten geradewegs zur Hölle. Die faulen Fische hatten sich dennoch gut verkauft, vor den Läden gab es lange Schlangen und die Preise waren hoch.

Irgendwann hat eines der Mädchen der Gärtnersfamilie seine Neugier nicht mehr ausgehalten und schlich zu mir, um mir mit funkelnden schwarzen Augen und einem umwerfenden breiten Lächeln ein gebrochenes „Hi! You!“ zuzuwerfen und schnell wieder zu verschwinden. Sie hatte sich an mich erinnert, der jüngste und einzige dunkelhäutige Sproß ihrer Familie. Ihre Eltern und Geschwister haben helle Augen und helle Haare wie man es in Nordägypten häufig – besonders auf dem Land – sieht. Ich selbst falle nicht auf. Hier gibt es alle Hauttöne, Haar- und Augenfarben.

Der Tag wurde von einem Sonnenuntegang beendet, wie man ihn nur in der Wüste erleben kann. Dann mussten wir uns allerdings sputen, denn in Wüsten wird es bekanntlich sehr schnell dunkel und kalt. Beim Einsteigen bemerkte ich die Gärtnerfamilie, die etwas versteckt unseren Abzug beobachtete. Ich drehte mich zu ihnen und verabschiedete mich winkend. Die Freude darüber wollten sie dann endlich nicht mehr verbergen. Das Leben in der Wüste ist nach wie vor rau und einsam

Auf der Rückfahrt drang durch die hightech-Anlage des Autos Musik von Mohamed Mounir. Seine Fans nennen ihn den König und die meisten Ägypter sind Fans von Mohamed Mounir — nicht nur weil er seit vielen Jahren nach Omar Sharif der zweite weit über die Grenzen Ägyptens populäre Künstler ist. Geliebt und verhasst, weil er es schafft, alle denkbaren Musik- und Stilrichtungen zu verbinden, ohne sich anzubiedern oder etwas zu verleugnen. Er spielt afrikanische, nubische, arabische Rythmen mit Cello und E-Gitarren, Pop, Jazz, Rock, sogar Techno und Drum`n Base mit orientalischen Instrumenten. Gerade deshalb steht ihm wohl das Prädikat zu, der ägyptischste aller Künstler4 zu sein. Natürlich gehört die optische Präsentation heutzutage auch oder gerade in Ägypten zum Erfolg im Musikgeschäft. Und Mounir ist Meister einer offensiv subtilen Präsentation. Ein bescheidener fast scheuer Blick als Understatement, ein entwaffnendes Lächeln, dass immer ein wenig länger als erwartet auf dem Gesicht bleibt, ein Schmachtblick der immer einen Tick zu intensiv ist (genau wie bei Omar Sharif), weshalb man ihm dann auch verfällt, obwohl man es als postmoderner Mensch besser weiß.

Eine entspannte Rückfahrt also mit einem der ägyptischen Könige. Ich beobachte den Straßenrand und die an uns vorbeiziehenden Lastwagen, die die Tagelöhner quer durchs Land befördern: Bauarbeiter aus den Dörfern in täglich neu entstehende Stadtteile. Erntearbeiter aus den Armenvierteln der Städte zu den Plantagen und Feldern.

Musik von Mohamed Mounir:  https://www.youtube.com/watch?v=V01Dl9w6kw8      https://www.youtube.com/watch?v=UeGzMTmRqnc

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Sehr wenige andere Kandidaten hatten gegen die Flut der Plakate und den großen personellen und finanziellen Einsatz der islamistischen Parteien eine reale Chance, sich außerhalb der großen Städte bekannt zu machen. Ein nicht zu vernachlässigender Teil der ägyptischen Bevölkerung kann trotz Schulpflicht und kostenlosen Schulen nicht richtig oder gar nicht lesen. Und so merkt man sich eben das Symbol desjenigen Kandidaten, dessen Plakat man am häufigsten gesehen hat, der ins Dorf kam, dessen Wahlhelfer am freigiebigsten oder hilfreichsten waren oder beim Ausfüllen des Stimmzettels halfen. 
2Neben der Verunsicherung vieler Händler und Investoren durch die politische Lage dürften auch Ehec und die neu erstarkte Solidarität der Europäer mit den griechischen und spanischen Obst- und Gemüsebauern eine Rolle dabei spielen.
3 Die Salafisten haben hier deutlicher an Einfluss gewonnen als anderswo. Es fließt viel Geld von aus den Emiraten, insbesondere Qatar hierher. Nicht nur der Bau von Moscheen und der gesellschaftliche und neue politische Einfluss der Salafisten und der Moslembruderschaft werden mit Milliarden finanziert. Daran allein jedoch kann es nicht liegen. Die letzten Scheiks der Al-Azhar  (eigentlich die größten islamischen Autoritäten) haben immer wieder darauf hingwiesen, dass das Kopftuch nur Konvention sei. Niqab-tragen ist an der Al-Azhar offiziell verboten. Mit dem Koran – auch wenn das immer wieder so behauptet und unhinterfragt wiederholt wird – haben demnach weder Niqab noch Kopftuch etwas zu tun. Dies sind weit hergeholte und spätere Interpretationen einer einzelnen Aussage des Propheten Mohammed im Koran und eines Hadiths (nicht im Koran aufgeführte, dem Propheten Mohamed zugeordnete Episode). Der Einfluss des Trilliardenschweren Wahabismus reicht freilich weiter. Und es bleibt, zu befürchten, dass sich dieser Einfluss auch zunehmend auf die von Spenden und staatlichen Geldern abhängige Al-Azhar-Universität auswirken wird. In Ägypten befördern außerdem Scham und Angst die Verbreitung des Niqab. Frauen, die öffentliche Verkehrsmittel oder auf dem Land mangels anderer Möglichkeiten die Ladeflächen von LKW zum Reisen nutzen, werden besonders häufig Opfer sexueller Belästigung und Übergriffe. Frauen, die auf dem Markt verkaufen, wird ein besonders niedriger sozialer Status zugeschrieben. Scham ist ein großer Faktor in der Erziehung ägyptischer Kinder und in einer sich rasant verändernden Gesellschaft wachsen Unsicherheit und Scham im Umgang miteinander insbesondere für die Frauen exponential an. Die Hetze der Salafisten macht daraus einen Teufelskreis. Eigentlich war Niqab-tragen einst ein Statussymbol für die Frauen höherer Schichten in den Städten des Osmanischen Reichs und schützte die Männer(!) und Frauen der Beduinenstämme vor der brennenden Sonne und bei Sandstürmen. Hier im Nildelta macht Niqab wenig Sinn, im feuchtheißen Frühjahr, Sommer und Herbst können die Frauen damit nicht (auf den Feldern) arbeiten. Die Situation scheint paradox, in den letzten Jahren hat sich die wirtschaftliche Situation der nordägyptischen Bauern deutlich verbessert, so dass die Frauen es sich durchaus leisten können die einfache traditionelle Galabia gegen die teure Abaya mit Niqab einzutauschen. Ohne die Mitarbeit bzw. das Einkommen der Frauen kommen aber trotzdem nur sehr wenige Haushalte (egal ob in Stadt oder Dorf) über die Runden.
 
Oh Entschuldigung bitte! Natürlich erst nach der legendären Ohm Kolthum. Im deutschsprachigen Raum dürfte M. Mounir v.a. durch seine Auftritte mit Hubert von Goisern (z.B. http://www.youtube.com/watch?v=p0g5NnpXlmA&feature=related) und „Ich und Ich“ bzw. Adel Tawil (mit dem Lied „Yasmine“)  bekannt sein.

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