„Oh Lord wont you …“ oder Mein Chauffeur meine Lebensversicherung!

Seit ich wieder hier in der ägyptischen Provinz bin, geht mir Janis Choplins „Oh Lord wont you buy me a Mercedes Benz“1 nicht mehr aus dem Kopf. Jedes Mal wenn ich unterwegs bin, legt Janis los und lässt sich nicht mehr abschalten. Auch heute nicht. Wir fahren nach Alexandria, weil mein Mann hin und wieder daran denkt, sich ein eigenes Autos zuzulegen und sich dazu umschauen will.
Als ich 2007 zum ersten Mal hier war, fuhr auf den Straßen nach mitteleuropäischen Kriterien fast nur Schrottreifes. Seither hat sich vieles geändert. Von der Welt unbeachtet und volkswirtschaftlich schwer begründbar boomt Ägyptens Konjunktur. Bei jedem erneuten Besuch in den vergangenen 5 Jahren glich die Blechlawine Ägyptens mehr der in Deutschland. Wären hier nicht die Ladas mit den kantigen Formen, wie sie ich sie aus meiner Kindheit (in Ostdeutschland) in Erinnerung hab, immer noch die bevorzugten Karosserien für Taxis, ließen sich Deutschlands und Ägyptens Straßenverkehr nur anhand der Nummernschilder und der Fahrweisen unterscheiden. Automarken gibt es hier jedenfalls mehr als ich benennen kann. Chrysler gibt es viele, große Mercedes sind beliebt. Mich wundert nur, dass ich noch keinen Porsche gesehen hab, aber das passiert sicherlich noch. Auch die Ladas werden langsam aber stetig von abgerundeten aus Ost-Asien stammenden Limousinen abgelöst und die Fahrweise ähnelt je nach Kauf-Preis bzw. Kreditbelastung des Wagens zunehmend der lackbedachteren westlichen. Dennoch weisen viele Autos nach wie vor Behauptungsdellen und Macho-Kratzer auf, auch wenn man festgebundene Türen oder Stoßstangen nur noch selten sieht.
Rechts von uns fahren gerade drei Chevrolet, links ein Mercedes und ein polierter riesiger schwarzer Volvo. Hinter uns spielt sich ein Geländewagen von VW auf, daneben glänzt ein chinesischer Van. Direkt vor uns fahren ein Hyunday, ein Fiat und ein Toyota und davor liefern sich zwei MAN-Laster voll Zement und ein mit schwedischem Holz vollbeladener Mercedes-Truck ein Wettrennen zur nächsten Baustelle – die ist sicherlich nicht weit, ganz Ägypten ist eine Baustelle. 
Die Vorstellung hier selbst Auto zu fahren, lässt mich kalt, ich stell mir das einfach nicht vor. Na gut, am Anfang hab ich schon mal darüber nachgedacht. Die Straßen sind verlockend breit. Die mehrspurig ausgebauten Autobahnen und Land- und Wüstenstraßen, die sich hier im Norden Ägyptens wie hunderte Fäden zu einem riesigen Spinnennetz zusammenfinden, verbinden die Handelsrouten des afrikanischen Kontinents mit denen Asiens und führen zu den Häfen der Nordküste wo Waren aus aller und für alle Welt umgeschlagen werden. Da es keine Berge gibt, könnte man kilometerweit sehen, wären da nicht die unzähligen anderen Fahrzeuge. Das Gedränge ist unglaublich, Motoren heulen, Bremsen quietschen, Stoßstangen geraten aneinander. Ohne Raserei geht es nicht. Es beruhigt mich überaus, dass unser Fahrer Amu Fuad, der uns meistens über Land chauffiert so ein umsichtiger, geduldiger und schwer zu provozierender Mensch ist, sonst wäre es schon oft brenzlig geworden. Ägypten gehört zu den Ländern mit den meisten Verkehrstoten. Bei den vermeidbaren Todesfällen von unter 25 Jährigen im Straßenverkehr liegt das Land an der traurigen Spitze ganz ganz weit vor Indien2.
Weil alle Bemühungen, etwas daran zu ändern, kläglich scheitern, treiben Ägyptens Unfallstatistiken Soziologen, Mediziner und Verkehrswissenschaftler weltweit zur Verzweiflung. Fußwege werden von Fußgängern nur unwillig benutzt. Elektronische Verkehrsleitsysteme bleiben unbeachtet, Schilder nimmt niemand wahr. Unterführungen oder Fußgängerbrücken für die Landbevölkerung an den Autobahnen sind an den falschen Stellen gebaut oder die Menschen verstehen ganz einfach nicht deren Zweck. Oft habe ich das Gefühl, die Leute bewegten sich so, als wären sie allein unterwegs. Wenn man sich nicht orientieren kann, ignoriert man das Chaos einfach. Über 30 % der Ägyptischen Verkehrstoten gehören zu der Gruppe: „other/unspecified road users“, d.h. man kann nicht sagen, ob sie Autofahrer, Autoinsassen, Zweiradfahrer, Mitfahrer oder Fußgänger waren. Sie sind einfach durch die Luft geflogen, tauchten aus dem Nichts auf, lagen plötzlich und unerklärlich tot am Straßenrand. 
Das deutsche Auswärtige Amt rät übrigens wegen der hohen Unfall-wahrscheinlichkeit von Fahrten über Land in Ägypten ab, das nützt aber nur, wenn man ausschließlich am All-Inclusive-Strand des Roten Meeres liegen bleiben will oder kann. Mit dem Zug kommt man auch nicht sicher voran, Streiks, Havarien und Fehlplanungen sind häufig und für Europäerinnen könnte so eine Fahrt im vollbesetzten Zug recht unangenehm werden.
Ich mache es mir also auf dem Rücksitz eines Taxis oder einer Limousine mit Fahrer gemütlich und genieße den Triumph, die 7 Hauptregeln des Verhaltens im nordostafrikanischen Straßengewusel endgültig erfasst zu haben:
  1. Augen zu und durch!
  2. Lichthupe ist nicht die nette Geste, jemandem den Vortritt zu lassen (wie in Deutschland), sondern das Gegenteil! Wer kein Licht am Fahrzeug hat, schreit stattdessen: „Mach Platz! Ich bremse nicht! Yalla!“
  3. Hupen bedeutet das, was es seit Anbeginn der Zeit und überall bedeutet: „Achtung hier komm ich!“
  4. Hupe und Lichthupe sollten möglichst großzügig eingesetzt werden, besonders in Hupverbotszonen (die es hier tatsächlich gibt)!
  5. Fenster auf, Ellenbogen raus, Augen zu und durch!
  6. Egal was der Verkehrspolizist da vorn sagt, vergiss das Anschnallen!
  7. Wenn du Regel Nummer 5 und 6 nicht befolgen kannst oder willst, nimm ein Taxi oder einen Wagen mit Chauffeur!
Das leuchtet mir Alles mittlerweile wirklich ein und ein Auto oder Kleinbus mit Chauffeur zu chartern ist hier auch für Mittelständler und europäische Wissenschaftler gut erschwinglich — viel billiger jedenfalls als die Deutsche Bahn. Noch günstiger sind Taxis.
Mein Mann aber möchte gerne noch flexibler sein (sagt er jedenfalls). All meinen Sicherheitsbedenken und Verweisen auf das ohnehin kollabierende Weltökosystem zum Trotz drängt er immer mal wieder auf ein neues eigenes Auto. Wir haben uns auch schon einige Autohäuser angesehn. Die wachsen ganz von selbst aus dem fruchtbaren nordägyptischen Boden. Einige sind Paläste. Manche gleichen eher einer Hütte mit Platz für genau zwei Autos. Die Wahrheit liegt natürlich nicht dazwischen sondern irgendwo ganz anders mit dem Hund begraben.
Dass die Ägypter äußerst konsumfreudig sind und dass zu zeigen was man sich leistet – egal ob man es kann oder nicht – hier zum guten Ton gehört, habe ich schon vor fünf Jahren festgestellt. Der riesige Plasmafernseher fällt heute genauso in die Grundausstattung einer ägyptischen Mittelstandsfamilie wie sämtliche anderen Multimediageräte. Mehrere hundert arabisch-sprachige Fernsehsender kann man empfangen. Die hiesigen mit Menschmassen gefüllten Einkaufszentren haben oft die Ausmaße von Kleinstädten. Verkauft wird wirklich fast Alles. Die neue Kleidung sollte importiert sein, gern auch chinesisch, und vor allem teuer in einer schicken Tüte aus dem gerade angesagtesten Laden aus der nächst größeren Stadt. Das gilt auch für einen Großteil der Niqab-Trägerinnen und ihre oft bärtigen Männer. Von den dunklen Ledersitzen des neuen Wagens hebt sich die meist schwarze Kluft dieser Frauen nicht ab. Praktisch, wenn man gerade unsichtbar sein möchte. Pink macht allerdings auch vor SalafistInnen nicht halt, selbst seidene, fliederfarbene, bestickte und mit Spitze besetzte Gesichtsschleier mit den dazu passenden pailliettenbesetzten Abayas habe ich bereits gesehen3.
Zur Zeit kann ich den größten Teil, der Waren und Marken, die ich in Deutschland erwerben kann, auch hier kaufen, ebenso die aus Frankreich, Neuseeland oder Dubai usw. Noch 2007 gab es hier eine schlimme Brotkrise, die lange anhielt und von einer Reiskrise abgelöst wurde. Selbst für uns, obwohl wir uns die hohen Preise leicht leisten konnten, war es schwierig ausreichend Brot zu bekommen. Mein Mann war stundenlang durch die Gegend gefahren, um ein paar Bauernfladen zu bekommen. Als ich damals die wütenden Gesichter der Männer vor den Moscheen sah, befürchtete ich, es würde gleich ein Aufstand ausbrechen. Den gab es aber erst letztes Jahr, auf einem Höhepunkt der Konjunktur. Jeder glaubte, nach diesem Umbruch, nachdem Vieles wochenlang still stand, würden sich die Umsätze zumindest verringern. Viele sahen sogar einen völligen ökonomischen Zusammenbruch voraus. Die Wirtschaft jedoch brummt scheinbar weiter, es wird gekauft, gebaut, geleast, beauftragt und die Automasse wächst weiter — genauso wie die Unfallzahl.
Als wir vor kurzem einen spontanen Familien-Ausflug nach Alexandria machen wollten, wurde auf der vierspurigen Landstraße einige Meter vor uns eine Frau aus dem kleinen Ort Abu Humus angefahren. Ein Krankenwagen war in 5 Minuten da. Noch schneller waren die Anwohner. Eine wütende Menge versperrte kurzer Hand die Straße, beschädigte einige Autos und entzündete alte Autoreifen. Eine Methode, mit der einige Zeit zuvor eine Dorfgemeinschaft die Errichtung von Bremsschwellen auf der Autobahn in der Nähe ihrer Häuser erpresste und die sich seitdem in der Region verbreitet. Eine Massengeiselnahme! Zurücksetzen geht hier niemals. Aussteigen und Laufen wäre selbst, wenn es dafür Platz gegeben hätte, für Frauen und Kinder bei einbrechender Dunkelheit gefährlicher gewesen als abzuwarten. Janis Joplins heiseres Lachen nistete sich in meinem inneren Ohr ein und ich wäre gern auf’s Dach gestiegen und hätte mit ebenso heiserer Stimme gerufen: „That’s it! …. Freaks!“. Aber ich war eingeklemmt zwischen meinen Verwandten, die mir zu verstehen gaben, dass Frauen besser nicht aussteigen sollten – schon gar nicht wenn sie sich weigerten, ein Kopftuch über ihren europäischen Dickschädel zu ziehen. Lust, mich zusammenschlagen zu lassen, hatte ich auch nicht ernsthaft. Durch die Scheiben beobachtete ich den schwarzen Rauch und die Lastwagen, Autos, Busse, Jeeps, Trucks um uns herum. Mein Schwager, der an diesem Tag fuhr — eigentlich ein äußerst gemütlicher Mann — machte ein reichlich nervöses Gesicht, stieg, um die Lage genauer zu sehen, aus und bald wieder ein. So wie das alle anderen Fahrer auch taten, was aber Nichts nützte. Die Polizei und das Militär rückten an. Ein hochdekorierter General bot sich als Ersatzgeisel an. Vergeblich! Zum ersten Mal in ihrem Leben nahm überhaupt jemand außerhalb ihres Ortes Notiz von den Bewohnern Abu Humus‘, die eigentlich gar nicht wussten, was sie fordern wollten. Die hohe Aufmerksamkeit, die ihnen so plötzlich zu Teil wurde, förderte eher ihre individuellen Wünsche und Aggressionen zutage als mögliche Problemlösungen. Von Bremsschwellen war schon lange nicht mehr die Rede. Stattdessen wurden aus der zum Ort gehörenden Raststätte ganz gastfreundlich Coladosen und Chipstüten an die Geiseln verkauft. Nach einigen Stunden und mehreren Fehlstarts ging es dann doch weiter. Welches Angebot des Militärs nun genügend Eindruck gemacht hat, wurde nicht bekannt. Aber ich vermute die Aufgabe der Straßenblockade hing auch damit zusammen, dass das Brennmaterial und die Cola aufgebraucht waren. 
Heute aber landen wir nur im Stau von Alexandria. Das ist normal. Während der ersten wärmeren Frühlingssonnenstrahlen ist auch schon eine der nagelneuen Limousinen heißgelaufen. Im Stau den Motor auszuschalten kommt hier niemanden in den Sinn, auch wenn das Benzin gerade knapp ist. Eine kleine Menschentraube versammelt sich ziemlich ratlos um die geöffnete Motorhaube mit dem schwarzen versiegelten Kasten darin, aus dem mittlerweile dicker grauer Rauch dringt.  Mir wird diesmal doch etwas mulmig, hoffentlich fliegt das Ding nicht in die Luft. Aber Amu Fuad schafft es rechtzeitig mit ein paar Handzeichen eine Lücke in der Fahrspur neben uns zu bewirken, auf der der Verkehr gerade ein wenig rollt. Krankenwagen kämpfen sich mit verzweifelt kreischenden Sirene Zentimeter für Zentimeter durch den alltäglichen Verkehrskollaps der Millionenmetropole. An einer noch nicht verstopften Abfahrt versuchen ein paar Verkehrspolizisten mit Händen- und Füßen dieses Nadelöhr offen zu halten. Ein kleiner Junge hat sich unter sie gemischt und ahmt ihre Bewegungen nach. Das scheint niemanden zu stören. Ich beobachte die Szene, lehne mich zurück und genieße die Aussicht auf ein wunderschönes blaues Mittelmeer und die unaufhörlich in Höhe und Breite wachsende Skyline Alexandrias. Hinter den Autodächern sehe ich langsam die Sonne untergehen. Oh Lord … ein Auto kaufen wir jetzt jedenfalls nicht mehr.

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  1. Für alle die das nicht mehr so ganz im Kopf haben:  http://www.youtube.com/watch?v=7tGuJ34062s
  2. Das Dilemma bezeugen u.a. die Bemühungen und Statistiken der WHO:  http://www.emro.who.int/dsaf/dsa1229.pdf  oder http://apps.who.int/ghodata/?vid=51310 „worlds health statistics“;  pdf-downloads:  http://www.who.int/gho/publications/world_health_statistics/en/index.html ;   und die  Interaktive Weltkarte: http://gamapserver.who.int/gho/interactive_charts/road_safety/road_traffic_deaths2/atlas.html
  3. Niqab-Tragen wird in der Postmoderne wieder so  zu dem, was es ursprünglich war: ein Statussymbol.

3 Gedanken zu „„Oh Lord wont you …“ oder Mein Chauffeur meine Lebensversicherung!

  1. Gelesen und definitiv verstanden. Für mich der Stoff für ein/en Horrorbuch/film…
    Und zum Kommentar von Timo Luks, so nach dem Motto: Man muss erstmal so richtig überkonsumiert haben bis man es endlich satt hat und sich auf grünen Wiesen nicht mehr langweilt…😉

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  2. toller artikel. Wenn ich das so lese, bin ich sehr überzeugt von der These, dass sozialer Wandel das Ergebnis einer genau richtigen Mischung aus Konsum und Wutausbruch/Protest ist … und dass man beides manchmal gar nicht so genau unterscheiden kann.

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