Ein Jahr später

Nun ist bereits der 12. Februar 2012. Ich bin wieder hier, hier in Damanhur, Hauptstadt der ägyptischen Provinz Buhaira. Diesmal sind die Vorraussetzungen für mich besser, schreiben zu können. Das Internet funktioniert. Ich muss mir weniger Sorgen vor einem aus dem Gefängnis freigelassenen Mob von Gewalttätern machen und obwohl für den gestrigen Jahrestag ein Generalstreik angekündigt worden war, konnte ich meine Kinder in die Kita bringen.

Vor einem Jahr saß ich ebenfalls in der Nacht vom 11.02. zu 12.02 vor dem Laptop und versuchte irgendwie das in Worte zu fassen, was eigentlich kaum zu fassen war1. Hier war damals längst zu spüren, woran niemand zu diesem Zeitpunkt des Triumphes denken wollte, was die westlichen Medien nicht ansprachen.

Die Menschen waren auch in Damanhur auf die Straße gegangen, nachdem Mubarak einen Tag nach dem Dementi doch zurückgetreten war. Auch hier hatte es vorher tagelang Demonstrationen und heftige Auseinandersetzungen zwischen Oppositionellen, der Polizei und Regimetreuen gegeben und es war nicht immer klar wer auf welcher Seite wofür oder wogegen kämpfte.

Aber die Feierstimmung nach Mubaraks Rücktritt hielt sich in Grenzen. Die Menschen wirkten auf mich gehemmt, noch nicht in der Lage die Lethargie und Skepsis, die sich unter der Diktatur aufgebaut und verfestigt hatten, zu überwinden. So viele Leute waren es dann auch nicht, die ihrer Freude Luft machen wollten. Als Außenstehende konnte ich mir die Freiheit nehmen, hin zu sehen und mir darüber Gedanken zu machen. Demokratie ist kein Selbstläufer, auch nicht in einem demokratischen System, dass wusste ich aus Deutschland nur allzu gut. Und Ägypten war von einem demokratischen System oder einem politischen System mit demokratischen Anspruch noch weit entfernt. Mubarak war nur eine Figur in einem perfiden Netzwerk, aus Macht und Ohnmacht, Korruption und Opportunismus, aus Gewalt und Angst, aus Geldgier und Apathie, in dem alle irgendwie dazugehörten und ihre Rollen spielten, auch wenn sie eigentlich2 dagegen waren. Der Diktator ist eben immer nur das charismatische Symbol der Diktatur.

Meine Zweifel waren groß. Wer hatte denn nun eigentlich die Macht, was wollte das Militär, was würden die Moslembrüder tun, warum interessierten sich die Salafisten plötzlich doch für Politik, und woher kamen ihre Mittel? Wie lernt ein Volk Demokratie, das noch nie eine Wahl hatte? Wie kann Demokratie funktionieren in einem Land, in dem die orientalische Konvention des väterlichen Autokraten, der mit viel Prunk und harter Hand herrscht und gleichzeitig den Anspruch erhebt, das beste für „seine Kinder“ zu wollen, noch immer viel Gewicht und Zustimmung hatte. Mubarak stand in dieser langen großen Tradition und am Ende seiner Herrschaft erschien er sogar aufrichtig. Der Mann, der am 10.02.2011 vor das Rednerpult trat um seinen Führungsanspruch zu untermauern und der Jugend seine Unterstützung zu versichern, glaubte an das, was er sagte (Auch Anwar as-Sadat meinte zum Beispiel unter „seinen Kindern“ zu sein, als er 1981 bei einer Militärparade erschossen wurde. Er hatte kurz zuvor abgelehnt eine schusssichere Weste zu tragen3.).

Tatsächlich hat in dem Land in den letzten 7 Jahren eine enorme Entwicklung stattgefunden, insbesondere in wirtschaftlicher und technologischer Hinsicht. Es hat sich eine große und breitgefächerte Mittelschicht in Ägypten entwickelt. Die Konsum- und Lebensstandards der unteren Mittelschicht liegen m.E. etwas unter der vergleichbaren deutschen Schicht, die der oberen Mittelschicht liegen zum Teil weit über den deutschen Standards.

Diese Mittelschichtler – ob nun Sympathisanten des Regimes oder nicht – hatten es sich bequem gemacht im System Mubarak. Sie hatten sich abgefunden mit „Vater Mubarak“, denn er würde vor ihnen sterben. Ihre auf Privatschulen und Privatuniversitäten ausgebildeten und mit neuesten Multimediageräten ausgestatteten Kinder, sahen das anders. Sie haben zunächst im Internet, und als dieses verlangsamt und später ganz abgeschaltet wurde auf der Straße gegen das alte Regime aufbegehrt. Niemand hatte damit gerechnet, schon gar nicht damit, dass sie Erfolg haben würden.

Aber repräsentierten sie auch einen genügend großen Teil der Gesellschaft, hätten sie auch die Fähigkeiten, um ihre Idealvorstellungen von Demokratie und Meinungsfreiheit in den Rest der Gesellschaft tragen zu können?

Vor 12 Monaten wischte ich meine Zweifel beiseite. Die Hoffnung auf eine neue bessere Zukunft mit einem verantwortungsvolleren Miteinander in Ägypten war ein zartes Pflänzchen aber es war gepflanzt und hatte im anbrechenden Frühling4 gute Chancen, zu wachsen und tiefer zu Wurzeln.

Es ist offensichtlich, dass sich das Pflänzchen nicht besonders gut entwickelt hat, einzelne Triebe sind bereits wieder verkümmert. In den westlichen Medien ist dies in den letzten Wochen zumindest angedeutet worden. Nicht nur die Unruhen und undurchsichtigen Geschehnisse um das Drama von Port Said5 oder das wilde Umsichschlagen gegen ausländische NGOs6 zeigen die heikle Lage des Landes. Auch die erschreckenden Wahlergebnisse der Parlamentswahl und die bisher geringe Beteiligung an der Wahl des Schurarates weisen auf eine allgegenwärtige und tiefwurzelnde Verunsicherung der Bevölkerung hin.

Leider kann ich heute nichts Positiveres berichten. Aber ich hab mir auch dieses Jahr vorgenommen, ein paar Einblicke in den Alltag hier in der ägyptischen Provinz zu geben. Einige Themen sind schon in Arbeit und wie es meine Zeit erlaubt, werde ich die Texte fertigstellen. Sie werden – soweit kann ich schon vorausgreifen – zum Teil deutlich heiterer ausfallen, als der heutige.

Ich bin froh darüber, dass einige deutsche Medien bzw. Journalisten in den letzten Wochen den Mut hatten einige sehr heikle und schwer handhabbare Themen anzugehen. Für Journalisten und Ausländer fern der Tourismusindustrie ist Ägypten gerade kein angenehmer Ort. Besonders dankbar bin ich Julia Gerlach und Michael Thumann für ihren Artikel „Die Revolution frisst ihre Frauen“7. Der Artikel verlangt dem Leser nicht nur aufgrund seiner Länge Einiges ab. Zudem haben die beiden es tatsächlich gewagt „normale ägyptische Bürger, zum Beispiel im Kairoer Mittelklasse-Stadtteil Abbassia“ zu interviewen, was hier gefährlicher sein kann als sich mit gesuchten Schwerverbrechern einzulassen.

Zu empfehlen sind auch folgende Artikel und Interviews:

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1 Siehe Abdankung  https://aljaja.wordpress.com/2011/11/23/abdankung/

2 Abdankung  https://aljaja.wordpress.com/2011/11/23/abdankung/

3 Ein guter und übersichtlicher Artikel dazu ist: Herbst in Kairo. erschienen unter: http://www.tagesspiegel.de/zeitung/geschichte-herbst-in-kairo/4654148.html

4 Der Begriff „Arabischer Frühling“ wurde erst einige Zeit   später verwendet.

5 Nach einem Fussballspiel zwischen dem beliebten Al-Ahli Verein aus Kairo und Al-Masri aus Port Said wurden über 70 Menschen getötet und viele schwer verletzt. Noch immer ist unklar wer hinter diesen Gewaltakten steckt. In den folgenden Tagen kam es im ganzen Land zu Demonstrationen. Bei Ausschreitungen in Kairo und Suez wurden mehrere Menschen getötet. Vgl. z.B: http://www.zeit.de/sport/2012-02/aegypten-fussball-tote

6 Vgl. z.B: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813690,00.html

7 http://www.zeit.de/2012/06/DOS-Aegypten

2 Gedanken zu „Ein Jahr später

    1. der Artikel, war schon sehr subjektiv auf die Lage zu diesem Zeitpunkt bezogen. Was damals so in Ägypten los war, kann nun wahrscheinlich nur nachvollziehen, wer’s erlebt und wen’s interessiert hat. Also kurz gesagt: Schnee von Gestern.

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