Abdankung

Ebenfalls ein älterer Artikel, aber aufgrund der momentanen Ereignisse ist der Rückblick auf die Ereignisse von Januar und Februar 2011 durchaus sinnvoll.

Erschienen am 12.02.2011 als Leserartikel bei ZEIT ONLINE:

http://community.zeit.de/user/aljja/beitrag/2011/02/12/quothosni-mubarak-gut-hat-sich-erledigtquot

„Hosni Mubarak …. gut, hat sich erledigt“

Seit ein paar Wochen nun befinde ich mich mal wieder in der ägyptischen Provinz Baheira, genauer gesagt in deren Provinzhauptstadt Damanhur, eine Stadt mit circa 300 000 Einwohnern.
Gestern war der 11. Februar 2011. Gestern waren alle schlecht gelaunt. So wenig wurde noch nie gegessen beim gemeinsamen Mittagessen der Großfamilie am Freitag. Auch der Nachtisch wurde stehen gelassen. Die Enttäuschung vom Donnerstag hatte allen auf den Magen geschlagen. Nach dem Freitagsgebet war es ruhig geblieben hier in der Provinz. Am Fernseher verfolgten wir zwar einige Zeit noch mit großer Anspannung die Bilder aus Kairo und Alexandria, aber die Müdigkeit übermannte dann doch die meisten. Kaum jemand hatte gut geschlafen, manche gar nicht. Der Ton wurde leiser gestellt. Das passiert nicht oft hier.
Jeder ging gerade etwas anderem nach, als Omar Suleimann auf dem Bildschirm erschien. Die einzige die immer noch zuhörte war meine Nichte. Plötzlich sprang sie auf, jubelte, rang nach Atem und brachte dann mit Mühe und Not heraus „Hosni Mubarak … mashy halas“ was soviel bedeutet wie „Hosni Mubarak … gut, hat sich erledigt.“
Später – alle hatten nun all ihre Freunde und übrigen Verwandten angerufen – gingen wir zur Hauptstraße, um den Jubel der anderen Stadtbewohner zu sehen und mit unseren Handys zu filmen, was diese ebenfalls taten. Es gab hupende Autokorsos, Flaggen, eine Demonstration von etwa 200 – 300 Leuten mit Musik. Feuerwerkskörper zischten umher. Jemand schoss vor Freude aus seinem fahrenden Auto mit einer Gaspistole in die Luft. Das Kind auf dem Balkon über uns machte Seifenblasen.
Ich war etwas enttäuscht, nach einem wichtigen Fußballspiel ist hier nicht viel weniger los.
Sind die Leute erschöpft? Gut möglich, auch hier war Einiges passiert seit Beginn der Proteste. Vielleicht ist es aber schon die Ahnung, dass nicht alles nur positiv sein wird, was in nächster Zeit kommt. Und was kommt? Und wer? Wer zieht jetzt eigentlich wirklich die Strippen der Macht? Das sind Fragen, die im ersten Jubel nicht gestellt werden, die aber in den Bewegungen der Menschen längst mitschwingen.
Bei all der Freude über den Rücktritt Mubaraks darf nicht vergessen werden, dass das System, das ihn an der Macht gehalten hat, nicht auf ihn reduziert werden kann. Es gibt zu viele, die von dem Geflecht aus Korruption, Bakshish und Vetternwirtschaft profitiert haben, nicht nur in den obersten Schichten der Gesellschaft. Auch der kleine Elektriker vom kommunalen Elektrizitätswerk, der nebenbei noch einen Laden hat oder gegen einen „kleinen“ inoffiziellen Aufpreis auch mal den Anschluss eines Hauses ans Stromnetz beschleunigt.
Nach den Protesten für mehr Demokratie, kamen in der letzten Woche in der Provinz zunehmend Streiks und Demonstrationen hinzu, die Fragen der Arbeit und wirtschaftliche Interessen betreffen. Die Leute fordern auf der Straße oder gehen gleich zum Gouverneur. Zurzeit werden in Ägypten gerne Wünsche erfüllt. Wie ich die Menschen hier kennengelernt habe, tun sie das wirklich gern, wenn sie können und zurzeit können sie.
Die Busfahrer des städtischen Nahverkehrs forderten Arbeitsverträge mit der Kommune. Bisher waren sie nach geleisteten Fahrstunden bezahlt worden. Sie bekamen ihre Verträge. Auch von den dreihundert arbeitslosen Jugendlichen aus den umliegenden Orten, die am Dienstag das hiesige Elektrizitätswerk umstellten, ging keiner nach Hause bis er in diesem Werk eingestellt war.
Im Wasserwerk forderten die Angestellten einen späteren Arbeitsbeginn. Statt 8:15 Uhr fangen sie nun 8:30 Uhr an.
Am Donnerstag streikten die Arbeiter der Müllabfuhr. Sie bekommen einen Hungerlohn während die Müllberge wachsen.
Was aus ihren Forderungen geworden ist weiß keiner so recht, sie waren untergegangen in den  Spekulationen, Aufregungen und dem hoffnungsvollen Warten auf Mubaraks Rücktritt.
Nun ist es 2:30 Uhr Ortszeit Samstag der 12. Februar der Tag nach dem großen Tag Ägyptens. Ich höre die Menschen immer noch aufgeregt auf den Straßen diskutieren.
Wie groß die Erwartungen der Menschen hier nach 30 Jahren Ausnahmezustand sind, wie übermächtig die Hoffnung auf ein ruhiges Leben ohne diese allgegenwärtige Angst, konnten sie mir am Abend kaum erklären. Für sie ist jetzt noch immer Freitag der 11. Februar 2011, ihr Tag des Jubels.
Es bleibt mir Nichts anderes als zu hoffen, dass ihre Ernüchterung, wenn sie im Heute und im Morgen ankommen werden, nicht über die gestrige Freude und die besonderen Erfahrungen der letzten Wochen triumphiert.

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