Frühjahr in Ägypten

entstanden ist der Artikel schon während meines Ägyptenaufenthalts Frühjahr 2011

Erschienen am 27.02.2011 als Leserartikel bei ZEIT ONLINE:
http://community.zeit.de/user/aljja/beitrag/2011/02/27/fr%C3%Bchjahr-%C3%A4gypten

Frühjahr in Ägypten

Nun ist es schon mehr als zwei Wochen her, dass Hosni Mubarak abdankte. Die Stimmung in Damanhur, Hauptstadt der ägyptischen Provinz Baheira, in der ich den Umsturz im Land miterlebte, hat sich seit dem 11.02. deutlich aufgehellt, die Leute sind freundlicher denn je.
Der Elan, mit dem sie ihre neu erkämpften Rechte und Pflichten wahr nehmen und austesten ist enorm und er speist sich aus vielen Quellen. Da gibt es zum Einen den großen Nachholbedarf, alles was sich aufgestaut hat, was man schon immer einmal öffentlich sagen wollte, wofür man sich schon immer einmal einsetzen wollte, wofür man schon immer einmal glänzen wollte, das tritt jetzt zutage.
Die sozialen Probleme sind ebenfalls groß und noch größer die Wünsche, die jeweils eigene Lage zu verbessern. Für neue Arbeitsplätze wird gekämpft, für mehr Lohn gestreikt, für reguläre Arbeitsverträge wird demonstriert, genauso wie für diverse Ausnahmegenehmigungen, für bessere Arbeitszeiten, für die Auszahlung seit langem nicht erhaltener Löhne und Renten usw. Die Liste der sozialen Schieflagen scheint unendlich lang und treibt die Leute mit all ihren Sorgen, Wünschen und Hoffnungen auf die Straße.
Doch da ist noch etwas, was die Menschen hier bewegt und handeln lässt und für viele ist es anscheinend etwas ganz neues und für andere etwas, was sie vor langer Zeit verloren und nun neu entdeckt haben. Eine Mischung aus Verantwortungsbewusstsein und Stolz. Verantwortungsbewusstsein für ihr Land, ihre Stadt und die Straße in der sie wohnen. Und Stolz darauf, dass sie ihr Land, ihre Stadt und ihre Straße einem despotischen Regime abgerungen haben.
Viele Bürgerkomitees, die sich infolge der Abwesenheit der Polizei nach den Freitagsprotesten vom 28.01.2011 gegründet hatten, bestehen weiter und kümmern sich um den Austausch der Anwohner mit den Behörden und dem Militär. Zunächst waren sie unter Anleitung der angerückten Militärs entstanden, um während der angespannten Sicherheitslage Bürgerwehren den Schutz der eigenen Stadtviertel zu organisieren und als Mittler zwischen Anwohnern und Soldaten zu fungieren. Die Menschen im Viertel, in dem ich gerade wohne, haben während dieser Zeit selbst ihre Häuser und Familien, ihre Nachbarn, die große koptische Kathedrale, das dazugehörige Kinderheim, das Standesamt, die Läden, die Moschee und eine Schule für geistig Behinderte Kinder vor Plünderungen, Einbrüchen, Brandstiftung, Diebstahl und Überfällen bewahrt. Sie haben den Verkehr geregelt und die Versorgung der Alten und Kranken mit Lebensmitteln gesichert.
Meine anfängliche Befürchtung, dass sich die Bürgerwehren in eine Art schlagbereiter selbstgerechter und Selbstjustiz übender Truppen entwickeln, erwies sich als unbegründet. Tag und Nacht das eigene Haus und die eigene Familie zu bewachen, dies allein bedeutete eine riesige Kraftanstrengung und fast alle waren erleichtert als die Polizei hier wieder ihre Aufgaben übernahm.
So schwierig diese Tage auch waren, in dieser Zeit haben vor allem die Jugendlichen hier begonnen, viele Dinge, die man vorher den Behörden oder dem Zufall bzw. Gott überließ, selbst in die Hand zu nehmen. Die Menschen in diesem bunt gemischten Viertel sind zusammengerückt. Hier leben Kopten und Muslime, Menschen fast aller sozialer Schichten, Menschen, deren Familien seit Generationen in der Stadt leben und Menschen, die vom Land hierher zogen, um in der Großstadt ihr Glück zu suchen. Viele in Damanhur sind Rückkehrer aus den Vereinigten arabischen Emiraten, wo sie lange Zeit als Gastarbeiter arbeiteten, um genügend Geld für eine eigene Wohnung und ein eigenes Geschäft zu verdienen. Ein großer Teil der Stadt ist erst in den letzten 20 Jahren entstanden, ein noch größerer entsteht gerade. Baheira ist eigentlich eine ländliche Region. Aber die Stadt verschlingt immer mehr Acker- und Weideflächen. Manchmal kommt es vor, dass man mitten in der Stadt vor den Überresten eines Feldes mit samt dem dazugehörigen Viehstall und der dörflichen Behausung der Grundstücksbesitzer steht. Überall in Damanhur wird gebaut, neue immer größere, immer höhere Häuser, oft ohne Genehmigung. Und irgendwie gleicht ein Straßenzug dem anderen. Auch eine Universität bekommt die Stadt jetzt. Daneben entsteht ein Supermarkt nach amerikanischem Vorbild.
Damanhur ist eine typische Stadt im Nildelta, eine typische Stadt in Ägypten, zwischen landwirtschaftlicher Tradition bzw. Notwendigkeit und Urbanisierung, zwischen Bevölkerungswachstum und Flucht in die Metropolen Kairo und Alexandria, zwischen einem rasanten wirtschaftlichen sowie technischem Wandel und den Fragen nach dem Woher und Wohin, zwischen Kaufrausch und bitterer Armut, zwischen Globalisierung und Provinztrott. Identitätsstiftendes findet sich nicht leicht.
Die meisten Straßenzüge sind nicht nur monoton und schmucklos sondern auch hoffnungslos verdreckt. Nur die Ladenbesitzer versuchen regelmäßig den Staub und umherfliegenden Müll vor ihren Geschäften zu beseitigen.

Die Kommunalverwaltung war in den letzten Jahren immer wieder sehr bemüht, die Stadtansicht etwas zu verschönern, Bäume wurden gepflanzt, die Müllabfuhr wurde mehrfach neu organisiert, Straßen wurden ausgebaut, Fußwege eingerichtet. Ein wuchtiges buntes Relief schmückt den Stadteingang. Gewaltige Springbrunnen stehen seit einem Jahr an den innerstädtischen Verkehrsknoten.  Die Oper der Stadt ist eines der imposantesten Gebäude, die ich in der Region gesehen habe. Trotzdem sieht es in den meisten Vierteln schmutzig und öde aus.
Auch von ganz oben gab es zahlreiche Anstrengungen, die Menschen und vor allem die Jugendlichen zur Gestaltung und Sauberhaltung ihrer Wohngegenden, zur Heimatliebe zu animieren. „Pflanz einen Baum“ war zum Beispiel eine dieser oft erstaunlich gut durchdachten Kampagnen. Sie fand allerdings wenig Anklang, meist nur heimlichen Spott. Auf allen dazugehörigen Papieren prangte als Schirmherrin stets eine gütig lächelnde Suzanne Mubarak. Und von der Regierung initiiert, erschien sie den Menschen realitätsfern. „Warum auch? Um Bäume zu pflanzen engagiert man Gärtner und wenn es mir vor meinem Haus zu dreckig sei, könne ich ja jemanden einstellen, der das sauber macht, solche Leute wollten auch Geld verdienen!“ wurde mir auf meine naiven Nachfragen bei meinem ersten Besuch hier vor vier Jahren geantwortet.
Gestern erzählte man mir, früher seien alle Straßenränder mit Palmen und Blumen begrünt gewesen und in den meisten Hinterhöfen hätten Orangenbäumchen gestanden.
Dem Bauboom sind wohl die meisten Bäume zum Opfer gefallen. In den Hinterhöfen halten viele aufgrund der Fleischknappheit und der steigenden Preise in den letzten Jahren Enten, Hühner und anderes Vieh. Die berühmte frühere Ansehnlichkeit und den damaligen Orangenduft der Stadt kann man also auch zu den Opfern der Despotie und der damit verbundenen Lethargie ihrer Untertanen zählen.

Nun, Ende Februar, endet hier nicht nur eine politische Zeitrechnung, sondern auch die Regenzeit und es beginnt der Frühling. Mit diesem Frühling erlebe ich etwas, das wir in Deutschland gut kennen, ich hier aber kaum für möglich gehalten habe. Am letzten Freitag verteilten Jugendliche morgens Handzettel, auf denen sie die Anwohner darum baten, Putzmittel, Eimer, Besen, Pinsel und Farbe zu spenden. Ein groß angelegter Frühjahrsputz! Die Idee stammt ursprünglich – wer ahnt es – von einem deutschen Konzern, dessen Wasch- und Putzmittel hier marktführend sind. In seinem neuesten Werbespot, werden die Ägypter aufgerufen, an einer großen Putzaktion teilzunehmen – natürlich mit den entsprechenden Produkten.

Aber die Jugendlichen brauchen weder Anleitung noch spezielle Produkte. Sie haben alles selbst organisiert. Am frühen Nachmittag hatten sie alles Erforderliche zusammen. Sie haben fleißig gekehrt und vieles farbig angestrichen vorzugsweise in den Nationalfarben und sie hatten Freude daran.

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